Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 204 (sequence 83)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Zur Charakteristik usw. So tritt uns das freie Schalten in der Beurteilung der biblischen Heroen, die Hervorhebung und Unterstreichung ihrer Fehler heute nicht in gleicher Stärke entgegen. Dazu kommt, dass das Wunder der Erhaltung Israels nie so zu Tage getreten ist, wie gerade in den Geschichtsperioden, die seit der talmudischen verflössen. Dass diese Erhaltung dem Verdienst der Väter im eigentlichen und talmudisch-technischen Sinne zu danken ist, hat sich immer mehr dem Bewusstsein eingeprägt. Und damit der schon im Talmud ausgesprochene Satz, dass die früheren Geschlechter die späteren weit überragen1). Doch es genügt auf eines hinzuweisen, das vielsagender ist als zahlreiche Einzelbelege. Die Einleitung zum Sündenbekenntnis, das die Gemeinde an allen Buss- und Fasttagen spricht, schliesst mit den Worten ״ אבל אנחנו ואבותינו חטאנוwir und unsere Väter haben gesündigt״. Es gibt kaum ein Volk, das nicht seine Vergangenheit in einem goldenen Lichte zeigt, das seine Vorfahren und vor allem seine Heroen nicht idealisierte und seinem ethischen Empfinden gemäss jeden Fleck aus ihrem Bilde tilgte. Wir sahen, dass auch in Israel dies an sich natürliche Streben, in ganzer Kraft sich auswirkt. Um so bedeutsamer ist es, wenn das natürliche Empfinden überwindend das Sündenbewusstsein sich in dem Bekenntnis durchsetzt: wir und unsere Väter haben gesündigt2). Wenn irgendwo der innere Zusammenhang der talmudischen Vorstellungen aus dem heutigen religiösen Besitzstand erschlossen werden muss, so gilt das von der Gruppe, die mit dem Verantwortungsgefühl zusammenhängt und mit der Beurteilung des sündigen oder schuldlosen Gesamtzustandes 3). Diese bleiben ein Konglomerat unvermittelt nebeneinander stehender Sätze, wenn man nicht das innere Band, das sie zusammenhält, zu finden weiss. Und dies innere Band kann eben nur in dem *) Vgl. אם ראשונים כמלאכים אנו כבני ארס וכר Sabb. 112b. und die bekannte Frage אכשור דרי Jeb. 89 b. 2) wir wissen wobl, dass es verschiedene Lesarten gibt; vgl. die einschlägigen Werke über den Siddur; die in der Praxis verbreitetste scheint uns die genannte. ®) Vgl. oben S. 112-117.