Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 203 (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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208 Zur Charakteri81ik usw. ,würden wir nach dem methodischen Prinzip, das wir oben aufgestellt, schliessen müssen, dass alle diese Sätze mehr hyperbolischen Charakter tragen. Und doch ist dem nicht ganz so. Das ist richtig, dass sie nicht eine ausgesprochen halachische Bedeutung haben. Für die Uebertretung des Gesetzes ist einfr ganz fest formulierte Abstufung schon durch die Bestimmungen der Tora und den aus ihr abgeleiteten Prinzipien gegeben1). Hier konnten die Talmudweisen keine abweichenden Anschauungen yerkünden. In den erwähnten Sätzen handelt es sich jedoch fast ausschliesslich um ethische Forderungen2). Hier darf man wohl annehmen, dass das freiere Schalten in der Androhung der Strafe der Ausdruck eines starken Empfindens für die Verwerflichkeit der Sache ist. Und wenn das heutzutage nicht so nachempfunden wird, dann ist vielleicht ein Herabsinken von der früheren Höhe darin zu sehen. Aber vor allem es ist garnicht wahr, dass jenes starke Empfinden für die Schwere derartiger ethischer Verirrungen uns fremd geworden. Wenn man die Besten zum Beweise heranzieht, und das muss ja bei diesen Verästelungen ins feinere und edelste Sündenbewusstsein geschehen, dann ist noch Vieles von den erwähnten Sätzen durchaus in ihnen lebendig. Vor Unbarmherzigkeit, vor Verleumdung, vor Kränkung, selbst vor einem unnützen Schwur erfasst sie ein Schaudern. Und wir selbst waren Zeugen und mit uns sicher sehr Viele, dass Einer, der den Nächsten öffentlich beschämt, wirklich so angesehen wird, als ob er Blut vergiesst. Es liegt fast dieselbe Zeitdauer zwischen uns und den talmudischen Grössen, wie zwischen diesen und den hervortretenden Gestalten der Bibel. Es ist nur natürlich, dass in uns, denen diese in eine fast unendliche ferne Zeit heraufgerückt sind, das Streben zur Idealisierung noch stärker ausgebildet ist. *) Vgl. ausführlich darüber das Kapitel: ״die Stufentolge der Gebote“ in J. Wohlgemuth, ״das Eeligionsgesetz in jüdischer Beleuchtung“, Heft H, S. 13—30, woher auch Verschiedenes zum besseren Verständnis unserer obigen Ausführungen zu entnehmen ist. 2) worauf nebenbei bemerkt für die Charakteristik der talmudischen׳ Ethik ganz besonderer Nachdruck gelegt werden soll.