Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 202 (sequence 81)
- Language
- German
- Belongs to
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202 Zur Charakteristik usw. es liegt nicht der geringste Grund vor, anzunehmen, dass sie damals nicht mit den gleichen Empfindungen begleitet, von der״ selben Inbrunst erfüllt und den Betern nicht ebenso ernst gewesen, wie wir das erfahrungsgemäss von der heutigen Zeit sagen können1). Und ebenso stark wurzelt in uns die Ueberzeugung, dass kein Mensch im Laufe seines Lebens von Sünde frei bleibt. Und so hoch steht der Frömmste nicht in unseren Augen, als dass wir ihn von jeder Schuld frei sprechen möchten. Und je höher einer steht, desto weniger wird er sich das Prädikat der Sündenlosigkeit zuschreiben, desto mehr wird er vor einem möglichen Fehl bangen, desto weniger wird er sich in Gefahr begeben, von dem Selbstbewusstsein erfüllt, er könne die Probe bestehen, desto stärker regt sich in ihm das Verantwortungsgefühl, desto grösser erscheint ihm die Aufgabe, die dein Menschen gestellt, desto mehr ist er überzeugt, dass er allen Anforderungen nicht gerecht zu werden vermag2 3). Das niederdrückende Gefühl, dass nach den oben8) angeführten talmudischen Aussprüchen in den Umstand gegeben ist, dass zahlreiche Vergehungen als Unterarten der drei Tod״ Sünden: Götzendienst, Unzucht und Mord hingestellt werden, dass es bei scheinbar geringfügigen Vergehungen heisst, der Betreffende habe sein Leben verwirkt, er habe keinen Anteil am künftigen Leben und es werde ihm keine Gelegenheit gegeben zu Gott zurückzukehren, können wir im allgemeinen Sünden״ bewusstsein der heutigen Zeit nicht in dem gleichen Masse wiederfinden. Da sich gar keine Einflüsse nachweisen lassen, und auch nicht wahrscheinlich sind, auf Grund deren diese Ueber- Zeugungen aus dem Sündenbewusstsein der verschiedenen Geschlechter im Laufe der Zeit ausgeschaltet worden sind, so *) Dass es je nach der Individualität, je nach dem Temperament, je* nach der Gefühlsanlage Unterschiede gegeben haben wird, wer wollte das leugnen. Das gilt aber ebenso wie im Judentum, von jeder Religionsgemeinschaft und in jeder Zeit. (8. oben S. 99 Anm. 2) — Vgl. zum Bisherigen oben S. 98,3—99,2. 2) Vgl. oben S. 100,1—7. 3) S. 100,8—17; S. 101,1—8.