Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 201 (sequence 80)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Zur Charakteristik usw. 201 ihm aber nur dadurch, dass er mit freiem Willen sich für das Gute und das Böse entscheiden kann1). So war in den Schöpfungsplan von vorneherein die Möglichkeit der Sünde aufgenommen2). Die Lehre vom bösen Triebe ist heutzutage psychologisch vertieft. Die Denkerarbeit so vieler Geschlechter ist nicht ohne Einfluss geblieben auf das Wissen von den verschiedenen Seelentätigkeiten3). In ihrem wesentlichen Gehalt weicht aber die oben gegebene Schilderung der talmudischen Quellen nicht von dem heute in uns lebenden Bewusstsein ab. Dass wir an jedem Tage der Verführung ausgesetzt sind, dass bereits das Kind schlimme Regungen zeigt, dass wir im Alter vor der Verführung nicht sicher sind, dass sie uns auch in ernsten Stunden droht, dass sich die schlechten Neigungen zu immer grösserer Stärke auswaehsen können, dass oft die bedeutendsten Persönlichkeiten gerade mit den schlimmsten Leidenschaften zu kämpfen haben, dass wenn der Mensch schwankt, seine schlechten Triebe edle Motive vorzuschieben wissen und so seine Entscheidung beeinflussen, das ist ja garnicht einmal Eigentum spezifisch jüdischreligiösen Empfindens, sondern Tatsache allgemeiner Erfahrung. Wie stark die menschliche Schwäche empfunden wird, wie hilflos man oft den Mächten der Verführung gegenübersteht, das weiss ein jeder, der mit diesen Kräften einmal gerungen! Die Gebete, in denen die Hilfe Gottes gegen den Ansturm des Bösen im Menschen erfleht wird, sind heute — vielfach dem Wortlaut nach — die gleichen, wie die uns im Talmud überlieferten, und die Tierwelt liinab, sondern auch über den Menschen hinaufsteigt und auch nach Analogie der Philosophie der Alten (der bekanntlich die jüdischen Religionsphüosophen und vor allem Maimonides folgen) den Himmelskörpern ein das der Menschen überragendes seelisches Leben und Selbstbewusstsein zusprach. 1) Köhler S. 174 f. 2) Vgl. zum bisherigen oben S. 97,2—4; S. 99,1.?) Obwohl man auch hier sich vor Ueberschätzung hüten muss. Herrschte doch bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts auch unter den Philosophen noch grosse Unklarheit über die einzelnen Seelentätigkeiten. Man sollte es kaum glauben, dass Tetens ein Zeitgenosse Rant’s der erste ist, der die uns jetzt in Fleisch und Blut übergegangene Teilung in Denken, Fühlen und Wollen zuerst vorgenommen hat vgl. R. Falckenberg Gesch. d. n. Phü. 6 S. 273.