Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 198 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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198 Zur Charakteristik usw. doch nur für Lehrmeinuugen, Ueberzeugungen oder Gefühlskomplexe, die gewissermassen an der Peripherie des religiösen Bewusstseins liegen, also etwa bei den Fragen der Kosmologie, Angelologie, Dämonologie, Eschatologie u. a. Einerseits, weil diese dort, wo sie sich in Einzelheiten verlieren, nie formuliert wurden und darum der gegenwärtige Besitzstand ein fliessender und verschwommener ist, eine Gesamt auffassung daher schwer festzustellen ist. Andererseits weil im Talmud und Midrasch selbst die mannigfaltigsten und zum Teil sich widersprechenden Aeusserungen darüber überliefert sind. Dazu kommt, dass hier schon allein durch den Einfluss der jüdischen Religionsphilosophen und Exegeten ״das fremde Element״ stark eingewirkt hat. Weniger wird das von den im eigentlichen Sinne religiösen Inhalten gelten und am wenigsten von den zentralen, unter denen wir mit in erster Reihe das Sündenbewusstsein anzusprechen haben. Jetzt leuchtet auch ein, weshalb die hier vorausgeschickten Bemerkungen über die Methode der Eruierung des religiösen Besitzstandes der talmudischen Zeit, die an sich ja von allgemeiner Bedeutung sind und für jede zu behandelnde Frage in Betracht kommen, gerade für unser Thema von entscheidendem Werte sind. Es gibt wenige religiöse Inhalte, bei denen die Tradition so treu festgehalten worden ist, wie bei dieser1). Hinsichtlich der Charakteristik des Sündenbewusstseins können wir mit gutem Gewissen sagen, dass der religiöse Besitzstand unmittelbar mit dem der talmudischen Zeit zusammengestellt werden kann. Jedem, der mit der Literatur der ספרי מוסר, der ethischreligiösen Literatur vertraut ist, und in ihr spielt die Erörterung x) ״Wenn auch der jüdische Geist und seine hervorragenden Vertreter oft genug durch die Kenntnis der Geistesarbeit anderer Nationen befruchtet worden sind, so ist es doch gerade die sittliche Weltanschauung, in welcher sich die Eigenart der jüdischen Seele am deutlichsten bekundet und in ihrer Selbständigkeit am kräftigsten erhalten hat“ sagt M. Lazarus a. a. 0. S. llf. Das gilt aber noch viel mehr vom Sündenbewusstsein, das, wie es in ältester Zeit eine spezifisch jüdische Eigenart zeigt, sich diese in allen Zeiten׳ bewahrt hat.