Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 196 (sequence 75)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Zur Charakteristik usw. Die Schwierigkeit, die sich hier erhebt, wer soll denn das Subjekt dieser ״Selbstbeobachtung“ sein, wer Repräsentant des Gegenwartjudentums, das liberale, misnagdische oder ehassidische1), ist nur eine scheinbare. Das liberale wird hier willig *) für diejenigen Leser, denen diese Einteilung unbekannt ist, sei bemerkt: Innerhalb des Judentums gibt es natürlich unzählige Nuancen individueller Religiosität. An umfassenden Gruppen, die in tiefgehenden prinzipiellen Grundfragen auseinandergehen, sind zu unterscheiden: das liberale und das thoratreue Judentum. Ersteres wiederum in den mannigfachsten Abstufungen von denen, die nur die Verbindlichkeit der in der mündlichen Lehre überlieferten und fixierten Vorschriften leugnen und dem entsprechend auch einige in ihr herrschende Lehren nicht anerkennen, bis zu denen, die auch das Thoragesetz für abrogiert halten und sich in der religionsgeschichtlichen Auffassnng von der Entstehung des Judentums mit den Theorien der liberal-protestantischen Bibelkritiker begegnen. Auch sie betrachten das israelitische Prophetentum als den idealen Vertreter des wesentliehen religiösen Besitzstandes des Judentums, dem gegenüber die weitere Entwicklung eine Art Rückschritt bedeutet. Sie anerkennen freilich die für ihre Zeit ausserordentliche Bedeutung Esra’s und der Schriftgelehrten, sprechen aus einer den christlichen Beurteilern gegenüber besseren Kenntnis heraus mit Wärme von den Edelgestalten der talmndischen Weisen und übernehmen nicht nur aus dem Reich der Agada einen Schatz religiöser Wahrheiten, sondern auch aus der Qalacha eine Reihe von Formen zur Ausgestaltung ihrer kultischen Frömmigkeit. Dieser Gruppe gegenüber stellt das thoratreue Judentum eine geschlossene Einheit dar. Für diese Einheit ist charaktcristisch die Ueberzeugnng von der Verbindlichkeit der Thora in allen Aus- Strahlungen, die sie in der mündlichen Lehre gefunden und in den Ent- Scheidungen, wie sie auf Grund des Talmuds vermittels feststehender Methoden seitens der Decisoren getroffen wurden und noch heute getroffen werden. Hinsichtlich der Lehrmeinnngen herrscht völlige Uebereinstimmung in dem dogmatischen Besitz, der durch die von Maimonides formulierten dreizehn Glaubenssätze umgrenzt ist. Was darüber hinausgeht, ist fluktuierend und wird in mannigfachen Nüancen angenommen. In dieser Peripherie, die einem gewissen freien Ermessen überlassen blieb, scheidet sich das chassidische vom misnagdischen Judentum. Für das erstere sind die kabbalistischen Schriften in einem grösseren Masse als die Quelle besonderer ausgeprägter Anschauungen über mancherlei religiöse Ueberzeugungen massgebend, abgesehen davon, dass auch in der Lebensauffassung, in der Art, wie die Religiosität zum Ausdruck kommt, manche Unterschiede sind. Das ״chassidische1' Judentum ist übrigens eine ungenaue Bezeichnung, denn der Chassidismus leitet seine ausgeprägte Anschauung erst vom Beseht ab. Man müsste vielleicht