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Jeschurun · 1924-03-01 · Heft 3-4 (März 1924) · p. Seite 195

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 3-4 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 195 (sequence 74)
Language
German
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Zur Charakteristik usw. 195 Vielleicht gibt es noch einen anderen Weg. Aus dem religiösen Besitzstand des gegenwärtigen Judentums den des talmudischen zu rekonstruieren. Es handelt sich ja für uns nicht darum, das letztere aus seiner Verbindung mit der Umgebung, mit seiner Vergangenheit herauszulösen, die Einflüsse aufzudecken und auszuscheiden, von denen es selbst beherrscht war, obwohl auch das für eine Feststellung des Wesenhaften von Bedeutung sein kann. Vielmehr wollen wir seinen religiösen Besitzstand klar umgrenzen, unbekümmert darum ob er auch mit Elementen, die von anders woher ihm zugekommen sind, vermischt ist, tief in das Seelenleben jener Männer eindringen und uns die Gewähr schaffen, dass wir die einzelnen Aussprüche auch richtig in einen einheitlichen Zusammenhang hineinstellen. Wie in der Psychologie die von wissenschaftlichen Prinzipien geleitete Selbstbeobachtung noch immer das sicherste Hilfsmittel zur Eruierung der Beschaffenheit der Seelentätigkeit bietet, so wäre die Selbstbeobachtung hinsichtlich des religiösen Seelenzustandes des gegenwärtigen Judentums — die Uebereinstimmung einer möglichst grossen Zahl von Individuen vorausgesetzt — der gegebene Ausgangspunkt um zu einer Klarstellung des religiösen Besitz- Standes jener alten Zeit zu gelangen. Von Kulturperiode zu Kulturperiode aufsteigend müsste eine genaue Untersuchung darüber einsetzen, welche Elemente der gegenwärtigen religiösen Inhalte auf die der jeweiligen Kulturperiode spezifisch eigenen Anschauungen zurückgehen und welche unbeeinflusst aus der Vergangenheit übernommen worden sind. Das, was unseren heutigen religiösen Besitzstand ausmacht, nach Abzug dessen, was wir als fremde Elemente erkennen, wäre dann zu vergleichen mit den Quellenmaterial des Talmuds. In dem Gemeinsamen hätten wir das Wesentliche der talmudischen Anschauung getroffen, wären sicher, den rechten Einblick in das religiöse Seelenleben jener Zeit gewonnen zu haben und dürften mit Recht behaupten, bei der Wahl und Hervorhebung der Aussprüche zwecks Darstellung der zu jener Zeit geltenden Anschauung und seines religiösen Empfindens nicht einem subjektiven Ermessen gefolgt zu sein.

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