Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 187 (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Charakteristik usw. 187 viel geschrieben worden* 1). Wir setzen die Gegenargumente als bekannt voraus. Als wesentlichstes sei nur in Kürze hervorgehoben: Die Nichtformulierung eines Bekenntnisses, die nichtsystematische Behandlung religiöser Fragen ist kein Beweis dafür, dass der Inhalt solcher Glaubenssätze zum mindesten gefühlsmässig weniger kräftig in den Seelen der Glaubensgemeinschaft pulsiert2). Sodann: es ist eine fremde Welt für die christlichen Beurteiler. Selbst unter der Voraussetzung, dass die Lektüre der talmudisch-midraschischen Literatur im Original ihnen gar keine Schwierigkeit macht, erschließt sich das Verständnis für den eigentlichen Sinn der Sentenzen und Er- Zählungen nur dem, der in diesen Quellen lebt, dem sie durch Vertrautheit von frühester Kindheit an und durch stete Beschäftigung mit ihnen in ihren immer wiederkehrenden Gedanken, gleichsam in ihrer Gesamtheit gegenwärtig sind, der darum in ihren Geist einzudringen vermag und dem zugleich der Geist der Halacha nicht fremd ist. Ferner: die Beschaffenheit des Quellenmaterials. Bald selbständige Sentenz, bald exegetische Erklärung, allegorische Deutung oder blosse Anlehnung an das Schriftwort, bald Erzählung, Fabel, Parabel, aus dem Munde unzähliger in ihrer Individualität verschiedener Persönlichkeiten, ohne dass festzustellen, ob dieser Ausspruch im Jugend-, Mannes- oder Greisenalter gesprochen, in welcher Stimmung, in welchem Zusammenhang, in einer Literatur verstreut, die sich über eine Anzahl von Jahrhunderten erstreckt. Das alles erschwert ungemein die Konstruierung eines Systems unter Benutzung dieses Quellenmaterials. Und endlich: Da das System oder auch nur eine zusammenhängende Darstellung eines Einzelkomplexes religiöser Fragen nicht vorliegt, die Systematigenommen wird, dafür braucht ja nur auf das bedeutende Paulusbuch von A. Deissmann hingewiesen zu w8rden. 1j u. a. von Chwolson, Eibogen, Eschelbacher, Güdemann, Köhler Perles, Wohlgemuth. 2) för das A. T. gesteht auch Köberle a. a. 0. S. 32 ohne Weiteres zu: »Im alten Israel spekulierte man nicht über das Wesen der Sünde und die Motive der göttlichen Gnade. Aber was nicht begrifflich ausgestaltetwar, war darum doch inhaltlich vorhanden.“