Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 179 (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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Das neueste Dogma usw. 179 vernachlässigte Tatsache ist schon für sich aUein eine Garantie dafür, dass das Geschichtsbewusstsein Israels nicht so schlecht fundamentiert gewesen sein kann, wie es in neuerer Zeit von einer gewissen Richtung der Geschichtsschreiber hingestellt ,wird. Nun ist aber die im Vorhergehenden angenommene äusserste Möglichkeit, dass die Israeliten in den ersten Jahrhunderten ihrer Existenz des Schriftgebrauchs entbehrt hätten, durch die Ergebnisse der neueren Ausgrabungen jeder Wahrscheinlichkeit beraubt worden. Denn in dem Hammurapigesetz schreibt § 128 für jede Eheschliessung die Anfertigung eines Kontraktes vor und sprechen viele Stellen (§151, 171 usw.) von Geschäftsverträgen. Dadurch ist die Kenntnis der Schrift beim Volke ebenso vorausgesetzt, wie durch die öffentliche Auf- Stellung des Gesetzes. Und da soll Abraham, der aus Babylonien gekommen war (1. Mos. 11,28), mit dem Schriftgebrauch unbekannt gewesen sein? Die Bejahung dieser Frage wäre eine Unnatürlichkeit. Vielmehr ist es als naheliegend anzusehen, dass schon in der Patriarchenzeit bei den Hebräern einzelne Aufzeichnungen über Stammbäume, Besitz- Wechsel, einschneidende Schicksalswendungen gemacht worden sind. Diese Wahrscheinlichkeit offen zuzugestehen, sträubt man20) sich noch viel zu sehr. Mit welchem Rechte denn darf man den Ahnen Israels ganz naheliegende Dinge, wie den Gebrauch der Schrift zu gelegentlichen Notierungen wichtiger Erlebnisse, absprechen und dagegen eine unnatürliche Vernachlässigung ihrer Familienerinnerungen zumuten? Wie wenig Recht man aber besitzt, eine solche Sorglosigkeit der ältesten Geschlechter Israels vorauszusetzen, wird sofort ans Licht gestellt werden. Denn für die hier zu führende Untersuchung ist ferner dies von grundlegender Wichtigkeit: Israel besass nach vielen Anzeichen ein lebendiges Interesse für die Pfle ge seiner Erinnerungen. Gewöhnlich allerdings wird die Frage, ob sich im alten Israel, ein lebendiger Sinn für die Bewahrung seiner Erinnerungen 20) Auch Kittel, Geschichte des Volkes Israel I (1921), 415.