Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 175 (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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Das neueste Dogma usw. 175 erwiesen hatte. Aber jedermann erkennt doch, dass auch diese ״Verwaltungslisten״ nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit mit Geschichtsbüchern haben. Dasselbe Urteil ist über die ״synchronistische Tafel״, die eine Uebersicht über die Beziehungen zwischen Babylonien und Assyrien gibt, zu fällen, und nicht viel anders steht es in bezug auf die grossen Königsinschriften, die am besten in ״Annalen, Kriegsgeschichten und Prunkinschriften״ eingeteilt werden. In den ״Annalen״ wird das in jedem Regierungsjahre eines Königs Geschehene in chronologischer Ordnung erzählt. Aber diese verhältnismässig gute Art von Aufzeichnungen sind leider selten. Ferner in den ״Kriegsgeschichten״, wie z. B. dem Zylinder Sanheribs (705—681), der acht seiner Kriegszüge umfasst, ist die Zählung der Heerfahrten sehr willkürlich. ״Was der assyrische Schreiber den ersten oder vierten oder achten Zug zu nennen geruht, ist nicht immer der sovielte Zug des in Rede stehenden Königs, sondern der sovielte von denjenigen, welche er in seinen Bericht aufzunehmen für gut fand; die Züge, welche er wegliess, zählte er einfach nicht mit14)״. Also dort am Euphrat und Tigris ist es höchstens bis zur Abfassung einer Art von Chroniken gekommen, wie man ein literarisches Produkt Babyloniens auch einfach ״die babylonische Chronik״ nennt15). Zu ganz anderen Leistungen auf dem Gebiete der Ge- Schichtsschreibung ist es bei den Griechen im fünften Jahrhundert gekommen. Bei ihnen hat sie sich an die poetische Erzählung des Epos angeschlossen, wie ja die dichterischen Erzeugnisse überhaupt die älteren Bestandteile der Nationalliteraturen bilden16). H e r 0 d o t übernahm von der absterbenden epischen Dichtung die Neigung und das Geschick, grosse und disparate Massen von Stoff zu disponieren und aufzubauen. Die Einheit, die er erstrebte, ist die des Stiles. Ueber ihn schritt Thukydides hauptsächlich insofern hinaus, als er nur die eine Aufgabe verfolgte, das Ringen der realen Mächte zu erkennen. H) C. P. Tiele, Babylonisch-assyrische Geschichte, S. 27f. 15) verwertet z. B. von Rob. Rogers, Cuneiform Parallele to the Old Testament (1812), p. 349ff. 16) Ed. Norden, Antike Knnstprosa, Bd. I, S. 28.