Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 147 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wesen und Wesentlichkeit usw. 147 Denn wie man sich auch im allgemeinen zu dem Prinzip der Entwicklung stellen mag, jedenfalls scheint soviel sicher: Eine Religion, die Religion sein will — und nicht etwas anderes in der langen Kette vom Diskussionsklub bis zu irgendeiner ״Schule der Weisheit״ — und die sich nicht aullösen will, um einer anderen oder dem religiösen Chaos Platz zu machen, darf sich mit ihrem Wesentlichsten jenem Prinzipe nicht beugen, muss es darüber stellen. Sie darf es nicht der Entwicklung preisgeben, sondern muss dieEntwicklungimSinnedieses Wesentlichsten lenken. Wenn es sonst wahr sein soll, dass der eisernste Wille, der werdenden Notwendigkeiten der Zeit sich widersetzen will, brechen muss, — für den Willen der Religion, ihr Ewiges, ihr Wesentliches zu behaupten, kann es nicht wahr sein. Und für das Judentum kann es nicht wahr sein. Für das Judentum kann nicht in Frage kommen, ob es einen Teil seines Wesentlichen aufgeben soll. Ein Verzicht des Judentums auf die Erziehung des Einzelnen zu ununterbrochener Verbundenheit mit Gott, auf die grandiose Einsamkeitszucht Israels und damit auf dessen Auserwähltheit,* seine Zukunft und seine Funktion ״am Ende der Tage״ — ist indiskutabel. Meldet sich aber der sogenannte Anspruch der Zeit, dann ist erst zu untersuchen, ob die betreffende Zeit wirklich so anspruchsvoll ist, dass sie Wohltat zur Plage macht: Manchmal ist sie es gar nicht, fromme Juden halten sehr viel anspruchsvolle Zeit ohne Plagegefühl aus. Ist sie es aber wirklich, dann ist es eben Pflicht der Führenden des jüdischen Volkes — die allerdings diese ihre Pflicht bisher kaum erkannt, geschweige zu erfüllen begonnen haben — das Volk auf eine Plattform der Realitäten zu führen, auf der dieser Anspruch ausgeschaltet und das Tun im Sinne des Gesetzes der Formtat wieder von aller Anfechtung freie Selbst- Verständlichkeit wird. Durch die Tatsache höchster Wesentlichkeit der Form im Judentum wird auch ein Problem höherer Ordnung als das eben besprochene: Das Problem der sogenannten Erneuerung zumindest nach einer Richtung hin entschieden, dahin nämlich, dass ■es keine Erneuerung geben kann, die ein Aufgeben der dem