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Jeschurun · 1924-03-01 · Heft 3-4 (März 1924) · p. Seite 146

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 3-4 (März 1924)
Date
1924-03-01
Page
Seite 146 (sequence 23)
Language
German
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146 Wesen und Wesentlichkeit usw. vo es eine lebenbegleitende Form gibt, — die sich an jedes Fleckchen Leben heftet, um einen Altar Gottes darauf zu errichten, um daraus Kraft für das einsame Volk der Gottes wähl zu ziehen, — wo mit jeder Hingebung des Einzelfalls auch die allgemeine, ganz unselbstische Hingebung in die Formhülle fliesst, wo das tausendfache ״Du sollst nicht״ der Sabbat-, Speise-, Reinheits- und anderer Formgesetze mahnt? Muss da nicht die Form zu einer unerhörten Höhe innerlichster Wesentlichkeit gelangt sein? Liegt nicht eine Welt voll heiligender Kraft im strengen Sabbatgedanken, dem Gedanken des Emportauchens aus dem unheiligen Wirrwarr der Woche, des von sich Abschüttelns auch der kleinsten kaum noch bemerkbaren Teile dieses Wirrwarrs, um ganz ohne Beziehung zu ihm, in die Sphäre reiner Ewigkeit hineinzuragen? Ist nicht im Zeichen der Reinheitsgesetzgebung, — welche die Hut des Menschen verfügt vor dem Tier, in ihm und an ihm und vor allem, was sich aus den Niederungen des organischen Lebens hässlich ans Licht drängt, — ein Volk zu einem Seelenvermögen herangezüchtet, worden, das man vielleicht am besten mit religiöser Aesthetik bezeichnet? Haben die Speisegesetze, demselben Gedanken auf anderer Ebene verhaftet, nicht am meisten dazu beigetragen, in diesem Volke einen religiösen Willen von ungewöhnlicher Ausdauer auszubilden? Sind nicht alle diese Wirkungen ideengesättigter und breit ausladender Formarten in ihrem Zusammenspiel so überwältigend, dass man die Form im Judentum als wesentlichst, garnicht mehr nur als Form, sondern auch schon als Lehre empfinden muss, — neben der Lehre von der Einzigkeit Gottes und von der Auserwählung Israels und ihrem messianischen Endsinn, als die Lehre von dem Tun, das dem auserwählten Volke zu Gottes Ehre und um seiner eigenen Zucht willen obliegt? Mit dieser Tatsache höchster Wesentlichkeit erledigt sich auch ein bekannter Einwand, der gegen die dem Judentum eigentümliche Form erhoben wird, dass sie nämlich dem Prinzipe der Entwicklung widerspreche: Dieselbe Schule, dieselbe Form könne doch nicht immer denselben Nutzen bringen. Da gelte das Goethe’sche Wort: Vernunft wird Wahnsinn, Wohltat Plage.

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