Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 137 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2292929-2293027-2293029--06816-2300101- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Wesen und Wesentlichkeit usw. 137 arme, mit diesen seinen tausend Armen täglich und stündlich die Seelen eines ganzen Volkes anfasst und sie immer neu erinnert: Ein Gott ist da! Der Gott, der euch di8s gebot und jenes verbot. Der Gott, der euch erkor! Der euch erkor. Damit ist aber auch schon der zweite grosse Gesichtspunkt angedeutet, von dem die Formkategorie der Lebensbegleitung in bezug auf ihren Sinn und die Stärke ihrer Wesenserfüllung, ihrer Wirkung betrachtet und beurteilt werden muss. Wenn gerade das Judentum es ist, das einerseits neben die Anbetungsform die Tatform, anderseits neben die Lebenstat die Formtat setzt, so hängt dies nicht nur mit der Folgerichtigkeit und dem Ernste seines Monotheismus zusammen, so soll damit nicht nur die Anerkennung des einzigen Gottes im Einzelmenschen immer neu geweckt, seine Verknüpfung mit Gott in einem sehr hohen Grade gesichert werden, sondern diese dem Judentum eigentümliche Form ist auch notwendiger Ausdruck der Rolle, die nach der jüdischen Lehre dem jüdischen Volke im Drama der Menschheit zu gedacht ist. Das jüdische Zeremonialgesetz ist nicht nur ein vollendetes Hebelwerk des monotheistischen Gedankens, sondern auch Wahrzeichen und Bestandteil der Auserwählung. Es ruft nicht nur jedem Juden in jedem Augenblicke zu: Gedenke, dass ein Gott da ist, sondern auch dem jüdischen Volke: Gedenke, dass du Gottes auserwähltes Volk bist und dass Adel verpflichtet. Die Auserwählung Israels gehört zum Ideengehalt des Judentums. Sie steht im Gegensatz zum Gedanken des Alleinseligmachens, so wie er für manche andere Religionen massgebend ist. Das Judentum will nur für Juden alleinselig־ machend sein. Sonst spricht es nicht nur dem einzelnen Nichtjuden die Möglichkeit ewiger Seligkeit nicht ab — חסידי אומות העולם וכד — sondern es schliesst auch, ohne den Fall bis jetzt als gegeben zu erachten, die Vorstellung einer anderen einwandfreien Religion für nichtjüdische Menschen nicht aus. Es will nichts als den Sieg des reinsten Monotheismus mit allen seinen Konsequenzen für Erkenntnis, Sittlichkeit und Kultur. Zu diesem Zweck will es nicht bekehren, sondern