Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 3-4 (März 1924)
- Date
- 1924-03-01
- Page
- Seite 132 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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132 Wesen und Wesentlichkeit usw. sie menschenähnlich sind,— zersplittert, verengt, lokalisiert sich die Hingebung, die er in Bewegung setzt, ist sie, je nach den Vorstellungen der betreffenden Religionen, eine liebenswürdige, leichte Waltung oder rasende Erregung, aber immer nur ein Gebot der Stunde, deren Gekommensein zumeist der Gläubige selbst zu bestimmen hat, niemals ein Zeugnis überwältigenden und dauernden Erfasstseins der Seele von der Sehnsucht nach dem Göttlichen und nach der Erlösung durch dieses, immer nur Zustand, niemals Habitus der Seele. Und demgemäss ist auch die Form. Ob beschwörend, einschmeichelnd, tändelnd, oder wild, schwül, grotesk — immer fehlt ihren Bestandteilen der einheitliche Ausbau- und Durchschlagsgedanke, immer ist sie auf die Episode gestellt, Form ad hoc, Idyll, Schauspiel, Sensation oder Groteske. Das Bild ändert sich, sowie die Vielheit der Götter verworfen, das Verhältnis des einzigen Gottes zur Natur als seine Herrschaft über sie und in ihr erkannt, sein Verhältnis zur Menschheit als das des Lenkers und Gesetzgebers deutlich geworden ist. Gegenüber diesem allmächtigen und allgütigen Gotte ist es dann mit spielerischer oder verzweifelter Hingebung nicht getan. Ihm kann Hingebung nur in breitem Strome sich zuwälzen, befruchtend, beglückend und entscheidend, kein Gebot der lockenden, lauten Stunde, sondern der stillen Ewigkeit und der Sehnsucht nach ihr. Die Form aber, die es auf sich nimmt, diesen Strom in das von ihr bereit gehaltene Bett zu lenken und ihn nicht versanden zu lassen, muss auch darnach sein: Voll inneren Zusammenhangs ihrer Bestandteile und voll ausgreifenden Planes, Formkomplex, Formsystem, Form für den ganzen Menschen, Formepos. Im allgemeinen ist nun jedes der als monotheistisch geltenden Religionssysteme bestrebt, diesen Anforderungen zu entsprechen. Nicht nur, dass für gewisse Wendepunkte im menschlichen Leben gewisse Handlungen, Opfer und Gebete vorgeschrieben, nicht nur, dass in jedem Jahre, in jedem Monate, in jeder Woche wiederkehrende Festtage, wieder mit ihren Handlungen, Opfern und Gebeten, vorgesehen sind, — auch an