Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Bibel 33 individuellen Bezug gehabt haben. (In den ,Maximen und Reflexionen“.) Für Goethe ־war überlieferte, dogmatische Religion gleich Begrenzung, und Goethe wollte sein: unbegrenzt, ungehemmt durch Glaubensbekenntnis, ungefesselt in Tatendrang und Freiheitsgefühl. Goethe besass Gottgeftihl, Furcht vordemEwigen, Naturfrömmigkeit, Weltfrömmigkeit, er, der g 1 eichLe8s i n g , ohne die kirchlichen 69־ brauche zu erfüllen, ,an den Grundwahr־ heiten des Glaubens niemals zweifelte“ (s. Spengler, Untergang des Abendlandes, I, S. 611). Doch er kannte viel zu gut, ,der Menschheit ganzen Jammer“, Elend, Endlichkeit und Kleinlichkeit irdischen Strebens, um in den Ideen der herrschenden Religionen letzte Zuflucht zu finden. Dennoch ehrte er das Geheimnis des göttlichen Waltens, das Symbolische der religiösen Zeremonien, und suchte nicht wie Kant zu rationalisieren und zu vernichten. Es bleibt feststehend: Goethe ist sein Leben hindurch eine religiöse Natur geblieben. Uns Gläubigen aber geziemt es, uns an dieser grössten Erscheinung der europäischen Geistesgeschichte in Demut zu erfreuen, und freudig und stolz zu erkennen, dass unsere jüdische Bibel (neben den Schriften Homers) nach Goethes eigenem Bekenntnis ihm die tiefsten Bildungselemente zugeführt und unzählbaren Keim und Samen in seiner Ent- Wicklung Furchen eingesenkt hat. Vor allem haben wir von ihm als Letztes die eine grosse Weisheit zu lernen, zu der Goethe sich am Ende seiner Tage (einen Monat vor seinem Tode, an S. Boisseree, 25. Febr. 1832) bekannte, dass ohne Glauben kein Wissen möglich, dass Glaube für ihn der Abschluss alles Wissens gewesen. ״Wir müssen einsehen lernen, dass wir dasjenige, was wir im Einfachsten geschaut und erkannt, im Zusammengesetzten supponieren und glauben müssen. Denn das Einfache verbirgt sich im Mannigfaltigen und da ist’s, wo bei mir der Glaube eintritt, der nicht der Anfang, sondern das Ende alles Wissens ist.“ 8