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Jeschurun · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. Seite 32

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 32 (sequence 34)
Language
German
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32 Goethe und die Bibel des Alls, ein Makrokosmus in sich, der das Leben in all seinen Aeusserungen, in allen grossen und kleinen Strömungen ״darzusteilen“, zu gestalten, zur Geltung zu bringen suchte, dies fühlte er als seine künstlerische Mission. Daher sein unvergleichlicher Formenreichtum, seine Farbigkeit, seine Vielgestaltigkeit. Seine andre Wesensseite ist^seine Geistigkeit, sein Bekennertum, sein Erleben von Gott und Natur als Alleins und sein Drang nach Durchdringung des Einen mit dem Andern, sein Drang nach dem Unendlichen, sein prometheischer Schöpfungsdrang, es mit einem Gott, einem Weltge ist an Gestaltungskraft aufzunehmen. (Daher der ungestüme Freiheits- und Unendlichkeits- Drang seiner Helden; Götz, Egmont, Faust, Tasso, Achilles, Prometheus, Mohamet). Der Gott, den Goethe in sich erlebte, das Gefühl an dem er zeitweise bis zum Menschenhass litt, erschöpft sich vielleicht in dem Ausdruck ״W e 11 w i 11 e“. Ist es da verwunderlich, dass er ״ den kleinen Gott der Menschen“, den Anthropomorphismus vieler Glaubenssysteme nicht mitmachte. Die Zweifel seiner Jugend, die er beim Erdbeben in Lissabon zum ersten Mal erlebte und die sich in seinem Verkehr mit den Herrnhutern (die Klettenberg) vertieften, erscheinen dem reifenden Goethe kleinlich; in demselben Masse, wie sich sein Wissen um die Natur, sein Weltbild vergrösserte, wird auch seine Gottesvorstellung erhabener. Es ist ein grosser, anbetungswürdiger Zug dieses grossen Dichtermenschen, dass er dem Göttlichen, dem Orphischen im wimmelnden Menschheitsorganismus sich mit Ehrfurcht nahte und die ewigen Gesetze ihres Lebens mit heiligem Staunen beobachtete, auch die ewigen Zeugnisse der Verehrung des Göttlichen, die heilige Bibel, mit gläubigen Sinnen in sich aufnahm. (״Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, das heisst je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im besondern auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit- und Ortsverhältnissen einen eigenen, besondern, unmittelbar

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