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Jeschurun · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. Seite 31

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 31 (sequence 33)
Language
German
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Goethe und die Bibel 31 dass Gott seine schützende Hand über ihn halte. Vorbild war für ihn das Buch H i 0 b , wo Gottes ״unerforschliche Fürsehung sich gross und unergründlich“ zeige. Stille Verehrung Gottes, ohne Bilder und äussere Zeichen, predigt Goethe in vielen Sprüchen. ״Jeder Ort, an dem die Seele sich zur Sammlung erhebt, kann eine Stätte der Gottes-Anbetung werden“ (vgl. fast wörtlich Exod. 20, 24). Jede ״katechisierende Konfession“, jedes kirchliche Satzungssystem lag Goethe weltenfern. Es lässt sich mit Leichtigkeit erweisen, dass Goethe ein abgesagter Feind des Katholiz i s m u s und Protestantismus sein Lebenlang gewesen ist, dass er der Gnaden- und Heilslehre1), der Verweltlichung und Ideenarmut der herrschenden Barche geradezu feindselig gegenübergestanden. Daraus aber ein Plus für die jüdische Religion bei Goethe ohne weiteres abzuleiten wäre übereilt. Nur dass Goethe sich der undogmatischen, allgemein menschlich gehaltenen Gestaltenwelt des Alten Testaments menschlich näher fühlte, so viel ist gewiss. Zum Schluss noch ein Zusammenfassendes: Es wäre Vermessenheit einen Geist wie Goethe in ein bestimmt normiertes Glaubenssystem pressen zu wollen. Es ist ein lächerliches und anmassendes Beginnen gewisser christelnder und arischen Oberlehrer, von einem christlichenGoethe, einem deutschen Goethe zu sprechen und diesem weitumspannenden Geist für irgendwelche parteipolitischen Tendenzen in Anspruch zu nehmen. Goethe ist ein künstlerisches Phänomen, ein Zeichen und Wunder in sich selbst, fernab von jeder Tendenz, vom Parteigetriebe, ein Seher und Erkenner 5) Goethe lehnt jede nrvstische Auffassung vom Opfertode des Gekreuzigten ab. Wenn Faust durch die Osterbotschaft sich dem Tode entrissen fühlt, so meint er damit nicht die Botschaft von der Auferstehung Christi (״der Mensch soll sich mehr am heiligen Leben als am heiligen Grabe erbauen״, war Goethes Grundsatz), sondern die NeuerstehungFaustens zu neuemLeben, zuneuemSchaffensdrang, nicht aber meint Faust an sich das Wunder der christlichen Heilslehre neu zu erleben. (Er fühlt sich: ״in Werdelast Schaffender Freude nah“. Faust, I. Akt).

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