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Jeschurun · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. Seite 29

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 29 (sequence 31)
Language
German
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Goethe und die Bibel 29 Stellung von Goethes Zugeständnis der unabweislichen Notwendigkeit der Religion und ihrer Erlebnisinhalte für den Menschen den vielberufenen Ausspruch entgegenhalten: »Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, der hat Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion“ (Zahme Xenien VI). Zunächst wäre hier festzustellen, was hier Goethe unter dem Begriff »Religion“ versteht. Offenbar nennt er das Wort mit dem französischen Nebensinn: religion Gewissenhaftigkeit, und als Hauptsinn schwebt ihm wohl soviel wie ״Menschenade 1“, Herzensadel u. ähnliches vor. Aber setzen wir den Fall, Goethe habe das Wort ״Religio n“ in seinem 1 a n d - läufigen Sinne ״Glaube einer Kirche, dogmalisches Bekenntnis“ gebrauchen wollen. Dann würde unser Sinnspruch zweierlei bedeuten können: Entweder dass für den Besitzer so hoher Kulturen, wie Wissenschaft und Kunst sie verleihen, die Religion ein entbehrliches Gut sei, da diese beiden ihm die Gefühlswerte der Religion schon hinreichend ersetzen. In diesem Sinne aufgefasst wäre die Behauptung Goethes unzutreffend. Denn die Gefühlswerte derReligion lassen sichüberhaupt nicht ersetzen. Sie gehen vielmehr mit dem Verlust der Religion zugrunde (siehe Scholz, 1. c., p. 169). Die Religion verleiht ihrem Gläubigen Erlebnisschätze, Gefühlsintensitäten, ja, Extasen der Seele, wie sie die Wissenschaft und Kunst fast niemals, oder nur in den günstigsten schöpferischen Momenten ihren Besitzern vermittelt. — Oder der Ausspruch will besagen: In Kunst- und Bildungserlebnis ist die religiöse Kultur schon enthalten. Aber auch diese Behauptung träfe nur für wenige auserwählte Kulturmenschen zu; denn diese haben wohl Ehrfurcht vor grossen Naturereignissen, Andachtschauer vor dem Erhabenen, Staunenerregenden, doch das Beglückende, in sich Beseligende, die von Gottes frieden durchglühte

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