Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Goethe und die Bibel meistgepriesene Vorzug des Christentums gegenüber dem Judentum, wurde von Goethe als für das wirkliche Leben undurchführbar schroff ab gelehnt. Er gesteht, dass ihm ״bei jener :grossen Forderung, man solle seine Feinde lieben, das Wort ״lieben“ gemissbraucht oder wenigstens in sehr uneigentlichem Sinne gebraucht erscheine“ (Deutschländer, 1. c. p. 167), eine Absage, die vielen christlich-protestantischen Goethefreunden noch schmerzlicher sein dürfte als die Absage, die Goethe an die Juden als Volk im folgenden richtet: Goethe fallt ein hartes Urteil über das jüdische Volk (W. Meist. Wanderj., II. Buch, 2. Kap.), weil es, trotz seiner ethnisch-geschichtlichen Vorzüge (Selbständigkeit, Festigkeit, Tapferkeit, Zähigkeit), als menschliche Gemeinschaft ״niemals viel getaugt habe, wie es ihm seine Anführer, Richter, Vorsteher, Propheten tausendmal vorgeworfen haben.“ Ist dieses Urteil aus dem Munde eines Goethe auch hart (wir wissen aus Aeusserungen andrer Art, dass ihm die Juden mit Ausnahme der Berliner Jüdinnen, die er für die verständnisvollsten Kenner seiner Dichtungen erklärte, als Einzelindividuen nicht sympathisch waren), so lässt sich noch die Gegenfrage stellen, ob Christus an seinen heutigen Anhängern, seinen europäischen Jüngern und Stell- Vertretern auf Petri-Stuhl, den privilegierten Bekennen! der allerchristlichen Nächstenliebe, wohl viel Freude erleben würde. Wir sehen mit andern Worten an dieser einseitigen Idealisierung des Christenvolkes auf Kosten des jüdischen, dass selbst ein Goethe, der freieste Geist seines Jahrhunderts, sich vom Schlangengift der Jahrtausende alten Vorurteile gegen seine jüdischen Zeitgenossen nicht ganz freimachen konnte. Er hatte nur die Armseligkeit der Frankfurter Ghettojuden und die ״Knechtsehaffenheit“ (Mauthner) ihrer Vorsteher in seiner Jugendzeit von der Nähe kennengelernt, und dieser Eindruck mochte seinen Blick für ihre inneren Vorzüge zeitlebens getrübt haben, ohne dass er ihre historische Grösse als Volk und die überragende Bedeutung ihres Schrifttums jemals verkannt hätte. Kenner des Goetheschen Schrifttums werden unserer Dar-