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Jeschurun · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. Seite 27

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 27 (sequence 29)
Language
German
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Goethe und die Bibel 27 Ort, wo reuige Sünder stehen, dürfen vollendete Gerechte nicht stehen. Auch waren unsere Weisen es, die den mystischen heiligtiefen Begriff vom Werte der Leiden in Gott, den יסודן של אהבה, den Züchtigungen und Leiden im Dienste Gottes, aus Liebe zu Gott, als höchste Stufe menschlicher Vervollkommnung geprägt haben. Dies setzt eine amor dei intellectualis, eine Selbstentäusserung, ein Versenktsein, ein Vermähltsein mit dem Göttlichen voraus, das schon fast über alles Menschliche hinausweist und der spinozistischen Gottes- Vereinigung nicht nachsteht Haben unsere Weisen auch jedes mystische Element, jede Mysterienhandlung aus dem jüdischen Gottesdienste streng verbannt, (auch Goethe war jeder äussere Kultus wie Kreuzverehrung, Sakrament u. a. in der Seele zuwider), so haben sie doch für den einzelnen Menschen Selbstheiligung (קדש עצמך במותר לך), Streben nach immer grösserer Vollendung empfohlen. Allerdings hat das Judentum die Selbsterniedrigung und Entsagung auf alle Daseinsfreuden bis zur Stufe der Virtuosität nie verherrlicht wie das Christentum, wir Juden kennen keine Geschichte der Heiligen, der Virtuosen der Selbstentmannung, welche ihre Heiligkeit dadurch legitimieren, dass sie die Aussätzigen küssen, ihren Nacken zum Schemel für die Vorbeischreitenden beugen, damit diese ihn treten (s. R. H. Bindung, Die schönsten Legenden des heiligen Franziskus, Inselbücherei, Nr. 70), und ״die Demütigung zum inneren Triumph wandelten״ (ibid. Vorwort). Dieser Ruhm der Beschränkung menschlicher Selbstwürde, diese Abtötung des Leiblichen war dem Judentum von Haus aus fremd, und ist erst im Chassidismus in Anlehnung an fremde Vorbilder zu einem förmlichen Kult gemacht worden Von Haus aus trägt das Judentum einen lebensbejahenden^ unasketischen Diesseitscharakter, und kein Mönchsorden und keine weltflüchtige Brüdergemeinschaft konnte in ihm Fuss fassen. Das Gebot der Feindesliebe, der letzte Ausläufer des christlich-mystischen Liebesbegriffs, der

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