Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 23 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Goethe und die Bibel 23 Bekenntnis von Faust-Goethe ist nicht zu rütteln. Mit dieser Wesenseite persönlicher Goethescher Religiosität haben wir uns hier nicht zu beschäftigen. Was uns hier lediglich interessiert, das ist die Frage, wie Goethe, der grosse Mensch und Denker, über die Religion als metaphysisches Erlebnis, über das Göttliche im Menschen, über sein ״Transscendenzgefühl“ gedacht hat. Nicht können hier aphoristische, gelegentliche Aeusserungen und Ausflüsse einer übermütigen oder missmütigen Stimmung Freunden gegenüber als vollgültige Belege dienen, sondern diejenigen Zeugnisse, die als Niederschlag höchster Erhebung, als Kern und Hauptinhalt von Werken einer ganzen Lebensepoche, als Grunderkenntnisse Goethescher Lebensweisheit angesprochen werden können. Es lässt sich als objektiv sicher erweisen, dass Goethe das Gotteswort als Gotteswort, niemals als grosser Menschen eigne Erfindung, verehrt hat, dass er Moses, die Propheten, und in seiner christlichen Auffassung, die Evangelisten, Apostel, Spinoza als grosse Menschheitskünder angesehen hat 1). Es lässt sich als unbedingt sicher erweisen, dass Goethe, fernab von allem Materialismus und Rationalismus seiner Zeit, (bekannt ist sein Widerwille gegen Holbachs berüchtigtes Werk ״Systeme de la Nature46, seine Abneigung gegen Voltaires und Bahrdts seichte Aufklärungsbe8trebungen) das Unentbehrliche, Unabweisliche, Verehrungsfordernde der positiven Religionen stets betont und als eine Forderung des Lebens selbst in unzähligen Aussprüchen (vgl. Vogel, Abschnitt: Gott und Gottesverehrung u. a.), aber auch in ganzen Abschnitten seiner grossen biographischen und Romanwerke dargelegt hat. ״Ich weiss nicht, ob man die Göttlichkeit der Bibel einem beweisen kann, der sie nicht fühlt. Wenigstens *) Siehe die ausgezeichnete Zitatensammlung von Vogel, Goethes Seltbstzeagnisse über seine Stellung zar Religion, Leipzig, Tenbner 1903. Leider hat Deatschlander das Bach ar scheinend nicht benutzt.