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Jeschurun · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. Seite 22

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 22 (sequence 24)
Language
German
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22 Goethe und die Bibel und nur als bedingt beweiskräftig hier heranzuziehen) über seine Auffassung von den herrschenden positiven Religionssystemen ermitteln, was kann der positiv gläubige Jude insbesondere von ihm lernen, wie denkt er sein Ideal von einer zukünftigen Menschheitsreligion? Ist im einzelnen seine Auffassung der jüdischen kongenial oder ihr zuwiderlaufend? Man nimmt kaum ein modernes Werk über Religions- Philosophie oder Kulturgeschichte zur Hand, in dem nicht Goethes Selbstzeugnisse als Belege für seine Stellung zur Religion, meist im parteipolitischem Sinne des Verfassers, Verwendung finden. Vielleicht gelingt es uns, zusammenfassend zu einer objektiven Erkenntnis vorzudringen und dabei unserer Gottesverehrung Stärkung und Stütze zu verschaffen. Es wird sich zeigen, dass wir jüdischen Gläubigen an den Pforten des Goetheschen Weiheitstempels nicht vergebens um Einlass pochen. Wir werden sehen, dass Goethe kein Ungläubiger war, dass in seines Wesens Fülle Seiten sind, die »nach dem Himmlischen“ deuten (Dicht, u. Wahrh., Buch XIV, Goethe neben Lavater und Basedow); es wird sich erweisen, dass Goethe ohne Gottverehrung nur unvollständig gedacht werden kann. Wer möchte von einem Dichter ein dezidiertes Bekenntnis zu dem oder jenem Glaubenssystem fordern! Goethes Dichtungen insbesondere sind als naive, ihm subjektiv eigene »Bruchstücke einer grossen Konf e s s i 0 n“ zu bewerten, als temporäre Spiegelungen von Erlebnissen und Stimmungen, die ihn niemals in einer bestimmten akademisch geeichten philosophischen Richtung erstarren Hessen. Jedermann bekannt und zweifelsfrei ist F a u s t s erhabenes dichterisches Bekenntnis zur p a n t h e - istischen Naturreligion, die ihn Gott und Natur als All-Eins, die sichtbare Naturwelt in ihrer lückenlosen Konsequenz und Gesetzmässigkeit als »der Gottheit lebendiges Kleid“ erblicken und erleben lässt. An diesem pantheistischen

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