Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Goethe und die Bibel 19 Parallele finde!! in der bekannten Eingangsszene des ״Faust״, wo Faust in schmerzlicher Erkenntnis Ton der Unzulänglichkeit alles menschlichen Wissens gewaltsam den Weg zur ״dunklen Höhle״ des Jenseits verschliessen will und zur Giftphiole greift; da tönen die Klänge der Osterglocken an sein Ohr herüber, und begeistert bricht er aus: ״O tönet fort ihr süssen Himmelslieder, die Träne quillt, die Erde hat mich wieder!״ Wir wollen kein Wort über die Profanierung der Elija- Szene durch eine Gleichhewertung mit der Eingangszene zum Faust verlieren, aber wir bezweifeln die Berechtigung ihrer Gleichbewertung oder Gleichsetzung! Wo liegt in beiden Szenen das tertium comparationis? Inder Verzweiflung an einer Lebensaufgabe, in weiter nichts. Im übrigen sind die beiden Bilder unähnlich und inkongruent. Erhaben und gross sind beide Szenen ohne Zweifel, doch jede in ihrer Art, ohne von einander irgend abhängig oder beeinflusst zu sein. Bei Elija ein Schlussakt eines enttäuschungsreichen Lebens voller Prüfungen; ein Hadern mit Gott ob des bitteren Kelches — bei Faust eine Eingangs-Episode, wenn auch eine bedeutsame, auf seiner Lebensbahn, die durch das etwas melodramatische Ertönen der jugendvertrauten Ostergesänge und Orgelklänge ihren Abschluss findet. Elija der Gotteskämpfer — Faust, der um höchste menschliche und wissenschaftliche Erkenntnis Ringende, (״damit ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält״), Elija, der an seinem persönlichen Prophetentum Irregewordene — Faust, der an der Unersättlichkeit des Lebens und alles menschlichen Erlebens und Erkennens schlechthin Verzweifelnde — jener der Vollendete — dieser der titanisch ringende Menschheittypus, dessen Tragik darin besteht, dass er die Unmöglichkeit erkennt, ״sein Ich als Form zum All zu erweitern״ (Gundolf) — nein, diese beiden Gestalten sind in sich gross, doch ihre Tragik ist grund- und wesensverschieden und von Goethe sicher nicht als ähnlich gedacht