Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Bibel 15 Wesen vollbringt die Heilung durch Leiden und Kasteien, sondern ein guter Mensch durch die sühnende Kraft seiner Persönlichkeit, denn: ״Alle menschlichen Gebrechen sühnet reine Menschlichkeit.“ Für Iphigenie gibt es keine Erbsünde, keinen Erbfluch, ihr ist der sittliche Menschenwille schon die sittliche Tat, die ״sühnende, die erlösende, die rechtfertigende Macht“ (Gundolf, Goethe, p. 313). Bei Goethe kann der Mensch von sich aus die Erlösung erringen, bei Luther nicht.“ (ibid.) Der Mensch ist nicht sündhaft und verdammt von Ewigkeit her, sondern er ist frei und sittlich autonom in seinem Wollen und Handeln. Und nicht sind die Menschen Spielbälle einer ungerechten Gottheit, wie Iphigenie in ihrer ersten Verblendung singt (״Es fürchte die Götter das Menschengeschlecht** etc.) und wie das antike Drama es lehrte, und nicht kämpfen und trotzen und ringen die Menschen mit den Göttern, um schliesslich schicksalhaft zu unterliegen, sondern ein jeder trägt das Sittengesetz in seiner eignen Brust, und nichts wünscht die Gottheit mehr als das reine, geläuterte Menschenherz. Die reine Hand, das reine Herz, um die Iphigenie zweimal die Gottheit anfleht, (auch Wilhelm Meister meint: ״Grosse Gpdanken und ein reines Herz, das ist’s, was wir uns von Gott erbitten sollten“!, Wilh. Meisters Wanderjahre, Kap. 10), beides Gaben, um die der Psalmist den Ewigen wiederholt bittet, (Ps. 24,4, 51, 12), darin erblickt Goethe die Quintessenz des gottgefälligen Menschen. Daher urteilt Heinemann (1. c.) mit Kecht: ״Die Menschlichkeit seiner (Goethes) Heldin ruht völlig auf der Frömmigkeit der Psalmen.“ Ueberhaupt lässt sich der Nachweis erbringen, dass die Humanität unserer Klassiker (Lessings im ״Nathan“, Goethes in ״Iphigenie“, Schillers im ״Wallenstein“) mit jener weltgeschichtlichen Auffassung konform geht, die das Judentum vom Verhältnis des Menschen zu Gott und von Gott als sittlich waltender Macht lehrt.*) 1j S. Wohlgemuth, Der Gott der Gerechtigkeit, Jeschurun, Band II, p. 346 fl