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Jeschurun · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. Seite 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
11 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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14 Goethe und die Bibel mit Moses und Josua verglichen, der die durch Wüsten und Irren vertriebenen Völker geleitet. Der Richter seihst vergleicht sich stolzbescheiden mit jenen, denen in ernster Stunde ״Gott der Herr im feurigen Busche erschienen“. Wie eine Kopie des biblischen Vorgangs wirkt in derselben Dichtung die sog. Brunnenszene (Herrn, u. Dor., VII. Gesang, nicht erwähnt bei Deutschi.), wo Hermann seine Dorothea am Brunnen überrascht und die beiden Liebenden in zärtlich selbstvergessenem Gedankenaustausch sich finden. Dieses Idyll, mit den einfachsten Kunstmitteln gezeichnet, trägt offenbar die Merkmale der biblischen Erkennungsszene zwischen Jakob und Rahel am Brunnen. Das höchste Humanitätsideal im jüdischen Sinne verkörpert die Dichtung ״Iphigenie auf Tauris“, deren Gftmdstimmung sowohl derjenigen der Antike als auch der des Christentums bewusst entgegengesetzt ist. Zunächst ist die Grundtendenz des Dramas a n t i ־ griechisch. Iphigenie überwindet durch ihr reines Menschentum den Fluch ihres Geschlechts und das Barbarentum des Königs der Insel. Dem Humanitätsideal der Griechen fehlt t durchaus der Glaube an den endlichen Sieg des Guten im Menschen, der Glaube an die Möglichkeit der Selbstbefreiung des Individuums von ererbter Väterschuld, es fehlt die Zuversicht, dass ״der Tag dem Edlen endlich komme“. Es gibt kein unentrinnbares Schicksal für den sittlich-ringenden Menschen, dies ist der Grundgedanke in Iphigenie, und dieser ist völlig ungriechisch. Aber auch völlig unchristlich muss er genannt werden 1). Denn ganz anders als in der christlichen Dogmatik vollzieht sich die Heilung Orestens. Orest kommt nach Tauris mit schwerer Schuld des Muttermordes beladen, verzweifelnd an Göttlichem und Menschlichem. Durch die Berührung mit dem reinen Priestertum seiner Schwester Iphigenie gelingt seine Heilung vom Wahnsinn. Kein Opfertod ist nötig, kein überirdisches 1י) hierzu Reinemann, Aus dem Leben der Schule, Jeschurun, VIII, S. 43 f.

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