Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Goethe und die Bibel Goethe und die Bibel. Von Dr. Armin Blau, Hamburg. II. Mit dem Jahre 1775 beginnt die Periode der Vollreife des Menschen und Dichters Goethe, die Periode des Schöpfertums und des Persönlicbkeitsbildners; der titanische Drang wird wach, welthistorische Führercharaktere aus biblischer und nichtjüdischer Welt zu schaffen. Doch keiner dieser ragenden Grössen hat Goethe zu dramatischem Leben erweckt, nur in zyklopenhaften gedankentiefen Balladen-Epen liess sie der Dichter zum Leben erstehen. Ihre Uebermenschengrösse, ihre Tragik, mit der Gottheit, fü r die Gottheit oder gegen die Gottheit zu kämpfen, sprengt jeden Rahmen dramatisch-gesetzmässigeu Geschehens. Auch die Dramatisierung der Moses-Figur lässt G. vorläufig fallen.*) Moses erschien dem reifenden G. (anders als in den Jugendjahren, wo er in Moses den impulsiven Tatmenschen erblickt) weniger in Dramatischem als in lyrisch-didaktischem Lichte, er erblickt in Moses mehr eine ethische Grösse als eine Kämpfer- und Führer״ natur. Auch die Dramatisierung des Simson in seiner ״bestialischen Leidenschaft eines mächtigen gottbegnadeten Helden״ und seiner unbändigen Liebe zu Delila, dem ״riesenhaften Weibe״ hat G. eine Zeitlang beschäftigt (s. Deutschländer, 1. c. p. 108). Doch allmählich bestimmen künstlerische Interessen Goethe, von der Dramatisierung biblischer Stoffe und Gestalten Abstand zu nehmen, 1 2) 1l Später hat sie an der Gestaltung des ״Faust“ bedeutsam mitgearbeitet, 8. Deutschländer, Jeschurun II, p. 287. 2) Den zehnjährigen Goethe reizt die Josephsgeschichte zu dramatisch-epischer Bearbeitung, auch der ״Belsazer“ lockt ihn zur Dramatisierung (das letztere Werk ist garnicht, das erstere in zweifelhafter Gestalt erhalten). Auch die Beschäftigung mit dem ״Hoheliede“ fällt in die Jugendjahre. Eine ״Cantate zum Reformationsfeste“ sollte den geschichtlichen Werdegang des jüdischen Volkes nach der Offenbarung behandeln (s. Deutschländers geistvolle Rekonstruktion p. 74—82).