Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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8 Schule und Erziehung anziehen und auf positiven Wegen für die Zukunft fruchtbar machen. Dazu muss er selber breit und fest in der jüdischen Tradition wurzeln. Aber auch die westeuropäische Kultur muss er gut kennen: er muss sicher sichten zwischen Hafer und Spreu in ihr und auch seine Schüler und seine Kreise zu dieser Sichtung anleiten. Hatte das 19. Jahrhundert die Ueberlieferung des jüdischen Kulturgutes auf ein Minimum beschränkt, so muss nunmehr der jüdische Lehrer für das nach Zeit und Ort irgend angängige Maximum Sorge tragen. Das Studium der Bibel muss in allen Schulgattungen und für alle Altersstufen intensiviert werden; dafür können die vielen Wiederholungen im Fach ״Biblische Geschichte״ getrost fortfallen. Die Intensivierung muss aber aus der Sache selbst herauswachsen: Bibelkritik — man mag sich mit ihrer vagen Konstruktionssucht sonst so oder so abfinden. — gehört auf alle Fälle nicht in die Schule; denn dem kindlichen Geiste bringt sie nichts, als dass sie die numinose Kraft, die von der Bibel ausgehen muss, und damit das Vertrauen zu ihren Lebensordnungen unterminiert. Wo bisher Hebräisch noch nicht eingeführt war, muss es geschehen; wo es war, mu3s der Unterricht in beständigem, methodischem Ringen verbessert werden; sein Ziel sollte überall dasselbe sein wie bei den modernen Sprachen in den höheren Schulen: die Sprache mündlich und schriftlich zu beherrschen, soweit dies ausserhalb des Landes möglich ist. Wie sich dem Gymnasiasten durch das Studium der griechischen Sprache das Beste der griechischen Geisteserzeugnisse erschliesst, so dass er als Primaner schliesslich Plato zu studieren beginnt — so sollte der jüdische Gymnasiast es in der hebräischen Sprache soweit bringen, dass sich ihm das Beste aller jüdischen Geisteserzeugnisse leicht erschliesst. Wie die Ausbildung auf den höheren Schulen Deutschlands in den Stand setzt, nachher die gesamte Kulturbewegung der Gegenwart verständnisvoll mitzuleben, so sollte die jüdische Ausbildung an höheren Schulen dem jungen Menschen alle Möglichkeit gewähren, sich in der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart zurechtzufinden und eine lebendige Zelle im Organismus des jüdischen Kulturlebens zu werden.