Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Schule und Erziehung Religionsunterricht überhaupt auf, während die Vertiefung in die klassische und germanische Kultur noch vier bis fünf Jahre mit grösster Intensität betrieben wird. So erwachsen aus unserer Jugend zwar ausgezeichnete Westeuropäer, aber keine jüdischen Persönlichkeiten. Selbst wo man sich solchen Erwägungen über geistige Erscheinungen völlig verschliesst — wie z. B. noch bis vor kurzem in der Repräsentanz der Berliner Hauptgemeinde — haben die traurigen Erscheinungen der Nachkriegszeit, in nackten Zahlen dargestellt, endlich die Augen geöffnet, und der Bankerott des Systems der ״Religionsschule״ wurde offen ausgesprochen1). So ist es gekommen, dass der jüdische Lehrerstand heute nur für ein Bruchteil der Bildung — nur für das Fach Religion — derjenigen jüdischen Bänder, die er überhaupt erfasst, verantwörtlich ist. Der Niedergang der jüdischen Schulen und des jüdischen Lehrerstandes bringt es mit sich, dass die Frage der Ausbildung der Lehramtskandidaten allgemein auf völlige Ratlosigkeit stösst. Es ist bekannt, dass es bisher nur jüdische Volksschullehrer gab, die auf Seminaren ausgebildet waren, entsprechend den evangelischen und katholischen Lehrerseminaren. Nun hat der Staat durch die Verordnungen von 1919 u. 202) und durch die geringen Anstellungsmöglichkeiten von Lehrern den bereits sehr schwach besuchten Seminaren den Todesstoss versetzt. Ein neuer Weg der Lehrerbildung ist ab er noch nicht festgesetzt und wird voraussichtlich in den nächsten Jahren auch nicht beschritten werden. Es ist also zu fürchten, dass in kurzem der Rest der jüdischen Seminare eingehen, also die Ausbildung des notwendigen Nachwuchses an Kräften ganz unmöglich werden wird. Die Flucht aus dem Lehrerstand ist erschreckend gross; zahlreiche kleinere Gemeinden sind bereits ohne Lehrer. Das ist in grossen Zügen der Tatsachenbestand, den das 19. Jahrhundert der Mehrheit der deutschen Juden in Bezug auf die Schule und die jüdische Erziehung vererbt hat. Die *) Vgl. Berliner Gemeindeblatt, Bericht über die Repräsentantensitzung: vom 25. Sept. 1921. 2) die freilich noch keine Gesetzeskraft erlangt haben.