Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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4 Schule und Erziehung sich erheblich abschwächte. Auch wo man noch jüdisch erziehen wollte, richtete man den Blick fast ausschliesslich auf das jüdische Individuum, dessen Erziehung zur sittlichen Persönlichkeit ja in der Tat ein wesentlicher Teil der jüdischen Erziehung ist und ewig bleiben wird. Aber man legte zu wenig Wert auf die Einreihung eines so erzogenenlndividuums in die jüdische Gemeinde und die Erweiterung seines intellektuellen Horizonts und gefühlsbetonten Willens auf das Ganze aller jüdischen Gemeinden, auf das zersprengte jüdische Volk. Die Eindeutschung in Sprache und Benehmen, die Berufsausbildung, die staatsbürgerlichen Pflichten nahmen notwendiger Weise einen ungeheuren Teil der seelischen Kräfte in Anspruch. Aber war es wirklich notwendig, dass deshalb das Interesse weitester Kreise an der jüdischen Gemeinde erlahmte, dass man — mit Ausnahme in den grossen philanthropischen Körperschaften — die Juden in den anderen Ländern aus dem Gesichtskreis verlor, dass sich ein tiefgehendes Gefühl von Fremdheit zwischen Ost- und Westjuden ausbildete? Diese ganze Schwächung jüdischen Gemeinschaftslebens und Gemeinschaftsgefühls musste den jüdischen Lehrer in der Aus- Übung seines Berufs ausserordentlich hemmen, ihn in Verwirrung oder in Widerspruch mit sich und seiner Aufgabe setzen oder ihn — wo er dennoch in Ernst und Treue sich durchrang — hundertfach um den Erfolg seiner Arbeit bringen. Hier, nicht in den wirtschaftlichen Missständen, liegt die wesentliche, die innere Quelle für den Untergang des jüdischen Lehrerstandes in Deutschland, den wir heute zu erleben scheinen. Denn in einer Kulturgemeinschaft, die sich selbst negiert, ist die Schule, ist ein eigener Lehrerstand sinnlos geworden. Zu jenen inneren Hemmungen treten eine ganze Reihe äusserer, die gesonderter Betrachtung wert sind, wenn sie auch deutlich als Konsequenzen der inneren Situation auftreten. Dem Sinn der Schule entsprechend soll der jüdische Lehrerstand die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft sichern. Wie aber könnte er das, wenn er überhaupt nur einen Bruchteil aller jüdischen Kinder in Deutschland erfasst? Die Entwicklung im 19. Jahrhundert brachte es eben mit sich, dass ein immer