Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Schule und Erziehung 3 hunderts trafen ein Geschlecht, das gegen solche Angreifer nicht geröstet war. Da wurde seine Erstgeburt, seine religiösen Schätze und seine Formen religiös-sittlicher Lebensgestaltung verachtet in seinen Augen. Zwar versuchten die Theoretiker, die jene für den Bestand der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland so gefährliche Zersetzung führten, den Prozess nicht nur historisch zu rechtfertigen, sondern auch trotz aller Negation ein Positives zusammenzustellen, auf das der Jude als sein herrliches Erbgut dennoch stolz sein durfte. Aber die sogenannten ״Heilstatsachen״ erwiesen sich als zu unfruchtbar, um ein starkes Bewusstsein von jüdischer Kultur und Geistesart wachzuhalten oder zu erwecken; man betonte mehr die Ablehnung der fremden Dogmen, als dass man den eignen Anschauungen zu blutvoller Lebendigkeit verhaif. So schwand unter den deutschen Juden das jüdische Kulturbewusstsein mehr und mehr. Dementsprechend wurde die Ueberlieferung des uralten jüdischen Kulturgutes auf ein Minimum beschränkt: die Bibel wurde nur in vorsichtiger Auswahl geboten, die unerschöpfliche Gedankenwelt der Halachah und Hagadah und die neuere hebräische Literatur fast garnicht. Zu gediegener Erlernung der hebräischen Sprache, diesem Schlüssel zur jüdischen Welt, fand sich in den ״Religionsschulena keine Zeit mehr. Diente doch der recht dehnbare Satz zur Richtschnur: ״Es soll nicht über dasjenige, was zum Verständnis des Gottesdienstes notwendig ist, hinausgegangen werden.״ *) Für all diese Verstümmelungen am organischen Bau des jüdischen Kulturgutes sollte ein nach dem Zeitgeschmack zugeschnittener religionsphilosophischer Ideenkomplex, angeschlossen an einen kritisch beleuchteten Geschichtsgang Ersatz bieten. Das war ihnen ״Religion״. Zu ihrer Ueberlieferung bedurfte es keiner ״jüdischen Schule״ mehr, sondern einer ״Religionsschule״. Bei solcher Leugnung, bezw. Geringachtung der kulturellen Eigenart und des überlieferten Bildungsgutes war es nicht zu verwundern, dass das Gefühl für die grosse jüdische Gemeinschaft *) Maybaum, Methodik, S. 36 (Bresl. 1896).