Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- Seite 453 (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische und abendländische Kultur 453 Seele eingehen, insofern als diese im Gefühl der Wahl- Verwandschaft sich mächtig zu ihr hingezogen fühlt, indem sie hier Klänge vernimmt, die eben ihren seelischen Bedürfnissen entsprechen. — Die Seele des Abendländers drängt wie der Genius der Juden einmal in die Gebiete des Werdens hinein, um hier ihre Kraft und Meisterschaft zu erproben. Auch diese Seele benötigt das Chaos, um sich zu entfalten. — Nirgends tritt dieses Verlangen der Seele, sich im ewigen Rythmus einer ewigen Bewegung auszuleben und das Wohl- und Schmerzgefühl dieser Bewegung auszukosten, deutlicher hervor, als in der Kulturenentwicklung der Deutschen, des Volkes, in dem der Geist des Abendlandes am reinsten sich äussert. ״ In der Dichtkunst, der Musik, der Malerei, in der Philosophie, ja selbst in der Baukunst wird sowrohl der Hilferuf des nach Gottesnähe lechzenden Menschen als auch das Glück des Erlösten laut, und namentlich in der gothischen Architektur wallt die Erlösungssehnsucht in den steinernen Flammen, die gen Himmel lodern. — Wer sich in dies Kräftespiel eingelebt hat, der begreift es ohne weiteres, dass gerade die jüdische Kultur als eine erweckende, helfende, beschwingende Lebensmacht das Abendland gewaltig in ihren Bann gezogen hat. Vielfältiger, reicher veranlagt ist die abendländische Seele als die des jüdischen Volkes. Auf Lebensgebieten, die den Juden verschlossen blieben, hat das Abendland erhabene Schöpfungen vollbracht, so auf dem Gebiet der Musik, der Architektur, der Malerei und Plastik. Aber auch in diesen Offenbarungen, so gehr es auch überraschen mag, rauscht stärker oder schwächer der Strom der jüdisehen Seele, und wenn es auch dem Abendland gelungen, in einer Fülle urwüchsiger Schöpfungen seinen Machtwillen und seiner Erlösungssehnsucht erhabene Denkmale zu bauen: es gibt in seinem Bereiche keine Kultur, für die nicht der jüdische Geist Bausteine geliefert hat1׳־'. (S. 652—b'59). Wir vergleichen diesen Schlusssatz, mit dem Spengler sehen