Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- Seite 451 (sequence 63)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische und abendländische Kultur 451 und Diastole, Bindung und Trennung, Begriffe, die Göthe in seine Farbenlehre eingeführt hat, um an ihnen die Farben auf den Kampf des Lichtes mit der Finsternis zurückzuführen, bei dem bald das Helle, bald das Dunkle das Uebergewicht hat, sind für Göthe die Motive alles Werdens und Wachsens überhaupt geworden: ״Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dies ist die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und Diakrisis, das Ein־־ und Ausatmen der Welt, in der wir leben, weben und sind\ Auf dieser Grundanschauung, die Mückle zumal im Faust in gewaltiger Symbolisierung wiederfindet, baut er seine Konstruktion des Kulturverlaufs der Menschheit in kühner Linienführung auf. An dieser Formel misst er — und zwar an erster Stelle in einer geplanten ganzen Reihe von Darstellungen der Einzelkulturen — im vorliegenden Werke die biblisch-jüdische Kultur und kommt dabei zu dem Ergebnis: dass sich die abendländische Kultur, also unsere Kultur, in ihrer Gesamtheit wie in ihren Einzelerscheinungen ohne diese jüdische Kultur einfach nicht denken lässt: dass die jüdische Kultur nicht nur noch lebt, sondern in der abendländischen Kultur in tausend Aus- Strahlungen weiterlebt; dass, wie es S. 651 heisst, ״Juda eine der stärksten Lebensmächte der Weltgeschieht© geworden ist“. Auf den Inhalt des Muckle’schen Buches und seine Gedankenführung im Einzelnen einzugehen, ist in diesem Zusammenhange nicht beabsichtigt. Das bedarf einer Sonderarbeit grossen Stils, bei der naturgemäss, je nach dem Standpunkt des Be^ traehters, in der Beurteilung von Einzelerscheinungen des jüdischen Kultur- und Geisteslebens, von der grauesten Vorzeit bis auf Jesus und Paulos, mehr oder weniger tiefgreifende Einwendungen zu erheben sein werden. Nur so viel sei gesagt: Es ist ein mit dichterischem Schwung, oratorischer Feierlichkeit und grösster, aus der Versenkung in eine erhabene Idee geschöpfter. Ueberzeugskrafc geschriebenes Buch. In drei grossen Epochen lässt es die auf- und absteigenden Kräfte des jüdischen Kullurgeistes sich entfalten. Helden zeit und ihre Auflösung ist der erste,