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Jeschurun · 1923-11-01 · Heft 11-12 (November 1923) · p. Seite 450

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 11-12 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
Seite 450 (sequence 62)
Language
German
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450 Jüdische und abendläodische Kultur Was ist zu dieser Behandlung, oder richtiger, Misshand־ lung des Judentums, zu dieser ungeheuerlichen und sinnwidrigen Vergewaltigung der Wahrheit zu sagen? Wenn Juden neue Bücher auf ihre Stellungnahme zum Judentum durchstöbern, so hat das etwas unangenehm Eisenmengerisches an sich, zumal bei einem Werk von so grossem Wurf und allseitiger Bedeutung, als welches das Spengler’sche aufgetreten und aufgenommen *worden ist. Das Geschick will es, dass die Antwort erfolgt ist ohne die beiden weniger günstigen Faktoren. Weder ein Jude hat gesucht, noch ist das Buch nach dem in Frage stehenden Gesichtspunkt überhaupt durchsucht worden: und die Antwort ist doch gegeben, die Heilung mit dem Schlage erfolgt. Friedrich Mückle' s, des Heidelberger Professors, ״Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland“ ist, wenn auch erst 1923 im Rikola Verlag erschienen, nach des Verfassers ausdrücklicher Bezeugung im Vorwort, ״unabhängig von Spengler entstanden: alle entscheidenden Teile waren bereits 1917 in den Händen des Verlegers.“ Mückle kämpft in der Einleitung gegen den inzwischen erschienenen Spengler; aber er bekämpft ihn mit keinem einzigen Wort wregen seiner Stellung zum Judentum, sondern er bekämpft die Einheitsformel Spenglers für den Ablauf des geistigen und kulturellen Weltgeschehens überhaupt, die absteigende Linie Kultur — Zivilisation — Erstarrung, der er die eigene gegenüberstellt. Der Parallelismus in der ganzen Einstellung zum Problem ist merkwürdig genug; aber noch viel merkwürdiger ist das Auseinandergeben in der Lösung. Im Gegensatz zu Spenglers abwärtsführender, rein negativer Tendenz, nach der die kulturablösende Zivilisation den Endzustand bedeutet und zwangsläufig zum Untergang führt, erblickt Mückle den Wellenschlag im Strom der Geschiehte: die Kultur schrumpft ein in Zivilisation, aber aus diesem Winter entsteht auch wieder ein neuer Kulturfrühling. Chaos — Machtwille — Erlösungssehnsucht: das ist das Urphänomen mit seinen beiden sich immer wechselseitig aus sich herausgebärenden, im ewigen Rythmus des Lebens vieltausendfältige Gestaltung erzeugenden Kräften. Systole

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