Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- Seite 449 (sequence 61)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdische und abendländische Kultur 44$ griffen worden ist: Während der abendländische Mensch von den Tagen der Sachsenkaiser bis zur Gegenwart Geschichte im allerbedeutendsten Sinne durchlebt und zwar mit einer Bewusstheit, die in keiner anderen Kultur ihresgleichen findet, hat der jüdische consensus aufgehört Geschichte zu haben. Seine Probleme waren gelöst, seine innere Form abgeschlossen und unveränderlich geworden; Jahrhunderte hatten für ihn, wie für den Islam, die griechische Kirche und die Parsen kein© Bedeutung mehr, und deshalb kann, wer innerlich diesem consensus verbunden ist, die Leidenschaft garnicht begreifen, mit welcher faustische Menschen die in wenigen Jahren zusammengedrängten Entscheidungen ihrer Geschichte, ihres Schicksals durchleben, wie es zu Beginn der Kreuzzüge, in der Reformation, der französischen Revolution, den Freiheitskriegen und an allen Wendepunkten im Dasein der Einzel- Völker der Fall war. Das alles liegt für ihn um dreissig Generationen zurück. Geschichte grösseren Stils strömt draussen vorüber, Epoche folgt auf Epoche, der Mensch ist mit jedem Jahrhundert von Grund aus ein andrer, im Ghetto steht alles still und auch in der Seele des einzelnen. Aber selbst wenn er sich als Angehörigen geines Wirts- Volkes betrachtet und an dessen Geschick teilnimmt, wie es 1914 in vielen Ländern der Fall war, so erlebt er es in Wirklichkeit doch nicht als sein Geschick, sondern er nimmt dafür Partei, er beurteilt es als interessierter Zuschauer, und gerade der letzte Sinn dessen, worum gekämpft wird, muss ihm stets verschlossen bleiben.״ Das also ist es und darauf kam es an: dass auch 1914, dass auch der Strom im Weltkrieg geflossenen jüdischen Bluts mit einem Achselzucken abgetan und auf wissenschaftlichen Grundlagen, in der allerumiässendsten Betrachtungsweise, der horchenden Gegenwart die summa summarum über das jüdische Gesamtwesen offenbart wird: ״Vernichtend wirkt dae Judentum, wo es auch ein greift•״ (S. 395).