Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- Seite 442 (sequence 54)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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442 Das Hohelied m Und du sagst von ihnen Hagelkörner. 0 ihr Hals, der Hals der Antilope, die aufgesehreekt ward, Die Schultern sind feist, die Hände ein Werk des Schöpfers, Und die blaue Tätowierung ist auf ihnen zerstreut Der Nabel ist eine Büchse mit Zibet in Künsten, Und der Leib wie Falten von Seide in Strähnen Weicher als Seidenstoff oder gekordete Baumwolle Dies ist die Beschreibung der Schönen, nicht ist darin ein Fehl. * * * Man wird bekennen müssen, dass selbst im rein Aeusserliebsten, in der Form als solcher im hohen Liede der erhabene Griffel des ewig modernen Genies die Herrschaft führt, während in diesen Proben altägyptischer oder syrischer Troubadours doch nur ein Gestammel von rein archaisch-philologischem Werte vorliegt. Aber das Formale ist ja eben ein Unwesentliches. Es ist fraglos, dass das ״Beschreibungslied״ der wazf, in dem die Vorzüge von Bräutigam und Braut geschildert werden, eine allgemeine orientalische Dichterweise ist; es ist ferner ausser Frage, dass das innige Zusammenleben von Mensch und Natur ihre ״Gleichschau״ bedingte, die ganze Erde und was sie füllt den Bilderreichtum der Vergleiche lieferte. Ich denke mir in der Tat: dass Liedchen in der Form der Einzelgesänge von שה״ש im jüdischen Volksmunde heimisch, dem grossen Sänger des Hohen Liedes von Jugend an vertraut waren, dass bei jeder Hochzeit in ähnlicher Ausgestaltung sie ihm ans Ohr klangen. Und gerade das und nichts anderes ist das Gewaltige, Ewige, Grandiose an der .Konzeption des Hohen Liedes, dass, angeregt durch solche Volksklänge, über den Dichter der Geist Gttes kam, und er in diese schlichten Formen hinein in des Volkes Sprache den ewigen Gesang von Israels Liebe und Leid ausgoss; das Lied von ihrer Sklavenschaft und Landfremdheit in