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Jeschurun · 1923-11-01 · Heft 11-12 (November 1923) · p. Seite 440

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 11-12 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
Seite 440 (sequence 52)
Language
German
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44® Das Hohelied Das Beispiel ist doppelt interessant: Einmal, weil ein an sich wertloses Formalelement durch die neuartige Verwendung in des Künstlers Hand zum grossartigen Ausdrucksmittel des Grossen und Bedeutsamen wird. Dann aber zeigt sich: Obwohl das vorgängige Du-Du notwendige Voraussetzung dieser Konzeption ist, ist es doch nur Zufälligkeit, die in dem dichterischen Gemüt gegenüber eine lediglich aus lösende Wirkung übt, wie in der salzgesättigten Lauge auch, ein Fremdkörper den Kryst&llisationsprozess nach dem immanenten Bildungsgesetz einleiten kann. Bei grossen dichterischen Offenbarungen: bei einem ״Faust'‘, einem ״Hamlet“, scheint zwar die Fabel, der Vorwurf, noch mehr zu bedeuten; aber nur auf den ersten Blick. In Wirklichkeit sind sie nur die äusseren Mittel, das übervolle Herz des Genies, die Fülle seiner inneren Gesichte zu einer Gestaltung zu bringen, die seinem eigenen Selbst notwendig innewohnt. Wer aber würde die Originalität des ״Faust״ anzweifeln, weil darin der Hans Sachs’sehe Knittelvers zur Anwendung gelangt? Wer die eines ״Hermann und Dorothea“, weil andere den Hexameter fruchtbar in die Moderne eingeführt hatten? Man höre in diesem Zusammenhänge die ähnlichsten Proben orientalischer Liebespoesie, die aus der reichen Schar Stärk L c. S. XXIff. als Muster ausgewählt: Aegyptisches Lied 2. Jahrtausend vor. Die Stimme der Taube ruft, Sie sagt: ״Die Erde ist hell“ Was hab’ ich draussen zu tun? Nicht doch, du Vöglein, du schiltst mich. Ich habe meinen Bruder in seinem Lager gefunden• Mein Herz ist glücklich über alle Massen. Wir beide sprechen: ״Nicht werde ich mich trennen“. Meine Hand ist an seiner Hand ich wandte dort zusammen An jedem schönen Ort.

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