Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- Seite 436 (sequence 48)
- Language
- German
- Belongs to
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486 Das Hohelied Lyrik; schon die innige Verflechtung der Motive von Frühling und Liebe sei diametral entgegengesetzt dem orientalischen Brauche, die Hochzeit in der Nacherntezeit, den Ferien des syrischen Landmannes, zu begehen. Aber die man rief, die Geister, wirkten weiter, und liessen den Wunsch nicht zur Ruhe kommen, Belege für den billigen Satz von der ״Abhängigkeit“ der jüdischen Poesie zu erbringen. Es sollte freilich jedem von vornherein einleuchten, dass alle Liebesdichtung verwandte Elemente enthalten wird; dass selbst, wenn man durch alle Fernen von Zeiten und Zonen getrennte Lieder der Minne zusammenhält, sich Gleichklänge und Parallelen ganz natürlich herausstellen wrerden. Aber gerade bei der Bibel, bei der Tochter des Himmels, glaubte man wohl eine andere Sprache und Form verlangen zu müssen. Eine solche Forderung ist falsch. ״Die Thora redet die Sprache der Menschenkinder“. Dieser Fundamentalsatz gilt nicht nur für die syntaktische und stylistische Bewertung der einzelnen Phrase und Wendung, er hat in viel weiterem Sinne Geltung. Die Bibel bedient sieb aller Formen, in denen die Menschen singen und sagen, um diesen Formen neuen Sinn und ewigen Gehalt zu geben. So benutzt sie z. B. die Formel des alten jus talionis, um zu lehren, dass der Schädiger fremden Gutes ״wirklich“ ein Auge als Ersatz für ein Auge geben muss, nämlich in dem höheren Sinne, dass der Ersatz in Geld zu schätzen ist: ״Wenn kein tötlicher Ausgang ist, so soll er mit einer Geldstrafe belegt werden, soviel ihm der Mann des [geschädigten] Weibes auferlegt, und zwar soll er es zahlen durch den Richter: Auge um Auge (Exod. *1,22׳). Die Thora selbst weist auf die Verwandschaft der Dichtform Israels mit der anderer Völker hin, indem sie das Siegeslied der Hofdichter Sichons uns auf bewahrt (Num. XXI, 27—30), das den Untergang Moabs und die Eroberung Hesbons im gleichen Versbau feiert, wie es jüdische Sänger tun; sie selbst lehrt uns im Lemechliede (Gen. XIV, 23—24) und dem Segen Noahs (Gen. IX, 25 27 ״) erkennen, dass diese Formen älter sind als Israel, dass sie einen Urbesitz der Menschheit darstellen.