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Jeschurun · 1923-11-01 · Heft 11-12 (November 1923) · p. Seite 397

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 11-12 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
Seite 397 (sequence 9)
Language
German
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Goethe und die Bibel S97 Boettigers als ״klatschhaft und unzuverlässig״ bezeichnet Goethe selbst hat Boettiger ״bösartig und unklug״ genannt, und nach Bodes Meinung war Boettiger Goethe wegen seiner Indiskretion und Klatschsucht unausstehlich, Ueberhaupt ist dieser einzigen mündlichen Aeusserung gegenüber so vielen anderen entgegengesetzten die Ansicht Gundolfs entgegenzuhalten: ״Von den Ueberlieferungen über Goethe enthalten die Gespräche am meisten Rohstoff, sind am meisten entfernt von dem, was Goethes tiefstes Wesen bedeutet: Gestalt, auch wenn wir nicht die bewussten und unbewussten Fälschungen abziehen müssten״. Goethes Hochbewertung des Alten Testaments muss heutzutage umsomehr unterstrichen werden, da man in den verschiedensten Goethe-Handbüchern nur diesen einzigen missgünstigen Ausspruch Goethes zur Charakteristik seiner Stellung zum Alten Testament aufgenommen liest, da e3 überhaupt in letzter Zeit zum modernen Schlagwort geworden ist, Goethe unter den Judenhassern figurieren zu lassen. Es kann uns heute nicht gleichgültig sein, wie Goethe, der grösste Deutsche, über die jüdische Bibel dachte. Der Wucht der von uns oben, angezogenen Argumente und Urteile wird sich hoffentlich kein billig Denkender entziehen. Es bedarf keines zwingenderen Beweises für Goethes dauernde und innige Beziehungen zur Bibel als des folgenden herrlichen Bekenntnisses des alternden Goethe; Ich bin überzeugt, dass die Bibel immer schöner wird, je mehr man sie versteht, das heisst je mehr man einsieht und anschaut, dass jedes Wort, das wir allgemein auffassen und im besonderen auf uns anwenden, nach gewissen Umständen, nach Zeit- und Ort Verhältnissen einen eigenen, besonderen, unmittelbar individuellen Bezug gehabt haben״. (Maximen und Reflexionen, Abteilung 6) Aus diesem Bekenntnis spricht eine Grösse, ein ehrfurcht volles Staunen vor der unausschöpflichen Fülle und dem Ewigkeitswert des Bibelworts, das jeden Zweifler beschämen muss. Was sucht Goethe alles 1m Bibel wort! Welche Vieldeutigkeit schreibt er ihm zu! Fast klingt daraus eine Rechtfertigung einer

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