Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 11-12 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- Seite 395 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Goethe und die Bibel 39S wie so gar nicht lebensgestaltend und schöpferich sie in unser unmittelbares Handeln eingreift! Was war sie noch unsern Vätern vor wenigen Jahrzehnten! Sie lebten und webten in Gedanken an die vorbildlichen Gestalten der ewigen Schriften, ihre Flammenworte w~aren ihnen sprichwortartig geläufig bei allen Gelegenheiten, und wie suchten sie den Heroengestalten nachzueifern! Da ־welltenoch ״Patriarchenluft״ injüdischenHäusern, da war noch unserer Erzmütter frommer Wandel sinn- und ziel« weisend für Israels Töchter! Es stand jedenfalls besser um die Sitten reinheit des jüdischen Familienlebens, solange nicht eine Nora oder Hedda Gabler, sondern eine R a h e 1 und Ruth die Sterne wraren, deren Geleit sie sich anvertrauten. Wem wäre nicht aus eigener Jugendzeit gegenwärtig, wTie unendlieh häufig der Vater in notvoller Zeit den Propheten Elija anrief, wie bildhaft lebendig Davids Psalmenweisheit, Salomos Lebensklugheir, überhaupt das Eibeiwort auf den Lippen von Alt und Jung zu finden, wie die ganze Atmosphäre biblisch-jüdi8c!1 war. Hat unser Zeitalter die Empfänglichkeit für den Stimmungsgeh alt der Bibel verloren? Sind ,wir differenzierter, problematischer als Goethe und seine Zeitgenossen geworden? Wie wenigen von uns ist die alles Leid und alle Erdenlust umspannende Führergestalt eines Moses als L e b e n d i g e 8 aufgegangen! Wie war sie aber einem Goethe und Schiller von ihrem frühesten Jugendtage an w7ohl vertraut! (In beider Dichter Schaffen lassen sich Spuren eines Planes zur Dramatisierung der Mosesgestalfc nach weisen.) Doch nicht nur die Personen der biblischen Welt, auch der Sprach- und Spruchschatz der Heiligen Schrift war Goethe gegenwärtig, vornehmlich Genesis, Jeremija, die Psalmen und das Hiobbiich stehen G. in den Werken seiner Reifejahre zu steter Anwendung bereit. In allen Gefühlslagen bedient sich G. der Worte der Heiligen Schrift, in Zeiten de8 Schmerzes und der Entmutigung, in seinem Ringen nach Vollendung und höchstem Menschentum dient ihm das Bibelwort oder ein biblisches Bild als geeignetste Ausdrucksform seiner Gefühle, und für die bedeutsamste Wendung seines Lebens: