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Jeschurun · 1923-11-01 · Heft 11-12 (November 1923) · p. Seite 394

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 11-12 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
Seite 394 (sequence 6)
Language
German
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394 Goethe und die Bibel Goethe als religiöse Anlage sein Lebenlang. Für Frau Aja, Goethes Mutter, war die alte Bibel das Buch des Lebens, grundlegend und richtunggebend in allen Verhältnissen und Begegnissen, Grundquelle ihrer Herzensfrömmigkeit und Frohnatur. Es sprüht und quillt in ihren Briefen an ihren grossen Sohn von Anspielungen auf Gestalten, Begebenheiten und Sentenzen aus der Bibel, sie beleben ihr Denken und Fühlen. Die Bibel ist geradezu ihr Schicksalsbuch. Nicht ohne Ergriffenheit lesen wir in einem Briefe von Goethe an Frau von Stein: ״Es ist eben die Zeit, wenige Tage aufab, dass ich vor neun Jahren krank zum Tode war; meine Mutter schlug damals in der äussersten Not ihres Herzens ihre Bibel auf und fand, wie sie mir nachher erzählt hat: ״Man wird wiederum Weinberge pflanzen an den Bergen Samariä, pflanzen wird man und dazu pfeifen“. (Jer. 31, 5). Sie fand für den Augenblick Trost und manche Freude an dem Spruch“, (zitiert bei Deutschi., 1. c., p. 21; 8. dort weitere Belege.) Diese reine Begeisterung für das Bibelwort, das wie ein Orakel unergründlich bedeutsam Leben und Handeln bestimmend auf die Mutter gewirkt, schlug im Gemüte des Sohnes tiefe Wurzel. Nennenswert gross ist seine Bibelkenntnis, grenzenlos seine Ehrfurcht vor dem Bibeltext geblieben; der alte G. bekennt: ״Deshalb ist die Bibel ein ewig wirksames Buch, weil, so lange die Welt steht, niemand auftreten und sagen wird: ich begreife es im ganzen, ich verstehe es im einzelnen“. (Maximen und Reflexionen). Zahllos sind die Anklänge und biblischen Parallelen, die sich aus seinen Dichtungen nachweisen lassen. (Vgl. die Arbeiten von Henkel, Goethe und die Bibel, eine quellenmässige Zusammenstellung der Zitate, Leipzig 1890; und Lahnor, Goethes Faust als weltliche Bibel betrachtet, Wolfenbüttel 1894.) Es ist erhebend und zugleich beschämend für unser heutiges Geschlecht, solche Zeugnisse grosser Ahnen zu lesen. Beschämend ist die Beobachtung zu machen, wie gering und färbenblass die Kenntnis der Bibel in unseren jüdischen K r eisen eigentlich geworden ist, noch viel beklagenswerter,

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