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Jeschurun · 1923-11-01 · Heft 11-12 (November 1923) · p. Seite 393

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 11-12 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
Seite 393 (sequence 5)
Language
German
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Goethe und die Bibel 393 jüdischen Forschergeistes, Der Verfasser geht vorurteilslos, ohne dogmatische Scheuklappen, ohne Personenkultus zu treiben, an das Problem Goethe heran, und mit grösster Akribie, leidenschaftslos (bisweilen allerdings ohne das dem Gegenstände angemessene priesterliehe Pathos!) nur dem wissenschaftlichen Triebe dienend, verfolgt D. die biblischen Spuren in Goethes Werken und Wirken bis ans Ende, Im folgenden sei ein Versuch gemacht, die wichtigsten Ergebnisse der teilweise nur philologisch vorliegenden Untersuchurgen Deutschlänäors unsern Lesern zugänglich zu machen, manches zu erweitern und ins rechte Licht zu rücken. I. Die Bibel ist das einzige Werk, das Goethes ganzes Leben umspannt hat, mehr als die Werke Homers und Ossians, sie beschäftigt und befruchtet sein Leben bewusst am meisten in seinem Entwicklungs- und Greisenalter, weniger bewusst auf der Mittagshöhe seines klassizistischen und humanistischen Schaffens. ״Kein Werk hat sein Wesen so ganz durchdrungen, kann so als treueste Begleiterin seines Lebens gelten als wie die Bibel״. {Deutschi., 1. c., p. 13). Da3 ist nun nicht so zu verstehen, als ob G. Tag für Tag die Bibel als Lektüre vorgenommen und Erbauliches daraus gelesen hätte. Vielmehr wird sie ihm Erlebnis, zum Bildungselement, er dringt früh in ihre Gefühlswelt, in ihren Vorstellungskreis und lässt sie durch alle Poren in sich ein drin gen, sie wird in ihm zur Macht wie die Kunst, wie die Natur, die Wissenschaft, die formend und bestimmend in sein Leben eingreifen. Seine Jugendjahre sind beherrscht von biblischen Vorstellungen (s. Dichtung und Wahrheit, I. Buch) und noch später sucht und findet er in der Bibel Trost und Verbild in allen Lebenslagen. Schon im Elternhause sieht G. alttestamentarische Gottesehrfurcht, eine im Leben selbst hervortretende patriarchalische Gläubigkeit der Eltern, ein unerschütterliches Vertrauen auf Gott, der sich ihrer in besonderer Fürsorge annehme. Dieses Gottvertrauen, diese Anbe-tung einer g^eimnis' >11 leitenden gütigen Gottheit bleibt

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