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Jeschurun · 1923-11-01 · Heft 11-12 (November 1923) · p. Seite 391

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 11-12 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
Seite 391 (sequence 3)
Language
German
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Goethe und die Bibel 391 Goethe am meisten zu Dank verpflichtet fühlte; es wäre mössig zu forschen, aus welchem Buche speziell er die ״Begebenheiten* schöpfte, von denen er spricht, und woher ihm zuerst die ״Patriarchenluft״ entgegenwehte. Es steht aber ausser allem Zweifel, dass zahlenmässig die Anlehnungen, Vorbilder, Aehnlichkeiten, Gleichnisse bei Goethe viel öfter auf alttestamentliche Anregungen sich zurückführen lassen als auf neutestamentliche. Diese Wahrnehmung wird aufs neue bestätigt durch das jüngst erschienene, auf sorgsamen philologischen Quellenstudien beruhende Buch Leo D e u t s c h 1 ä n d e r s : Goethe und das Alte Test ament (Omonuth-Verlag, Frankfurt 1923). Es nimmt nicht Wunder, dass gerade das Alte Testament mit seiner ״derben Natürlichkeit״ (Goethe), seiner Bildhaftigkeit und Vielgestaltigkeit der Geschehnisse, seinen dramatischen Charakteren (Moses, Simson, Saul, Daniel, Hiob) den jugendliehen Goethe mächtig anzog und den reifenden Goethe ״mit klammernden Organen״ festhielt, weit mehr als die moralisierenden, meist nur auf das Leiden gestimmten Gestalten des Neuen Testaments. Der mit zwei Seelen in seiner Brust ringende Faust, der an seiner DichterberufuDg verzweifelnde T a s s 0, der von Gewissensqualen zerwühlte Weislingen, der von Wahnsinn gejagte Orest, der zwiespältig schwankende Eduard (WahlVerwandschaften) — solche Gestalten finden kaum ein Echo und Gegenbild in den jeder irdischen Sphäre entrückten, kaum einer Leidenschaft und Versuchung fähigen Gestalten der Heilands- und Apostelgeschieht e. Daher seine dauernde Blickeinstellung auf das Alte Testament. ״Wie kein Zweiter unter den Dichterfürsten hat er sein Auge dem Buche der Bücher zugewandt, seine von der Natur begnadete Seele ständig aus dieser Quelle getränkt und nicht zuletzt durch sie seine Weitenhöhe erreicht.״ (Deutschländer, Vorrede). Dieses Urteil, zu dem Deuischländer nach sorgfältiger Prüfung gelangt, darf in unsrer Zeit nicht ungehört verhallen, in einer Zeit, wo die Vormachtstellung unsrer heiligen

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