Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- – (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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356 Das Hohelied tiefere Kraft und Fruchtbarkeit gehabt und durchgeführt.״ (Die Religion der Vernunft S. 463.) Den Sachverhalt möchte ich an einem physikalischen Gleichnis erläutern am Begriff der ״Klangfärbe״. Schlage ich denselben Ton mit der gleichen Stärke auf zwei verschiedenen Instrumenten, etwa Klavier und Geige an, so sind die Töne nicht gleich; was sie charakteristisch unterscheidet, bezeichnet die Akustik als Klangfarbe. Das rätselhafte Wesen derselben hat Helmholtz* Genie aufgedeckt. Er wies nach, da3s mit jedem Tone noch andere harmonische Töne, die ״Obertöne״ mitklingen, ein Chorus stiller Mitwirker, die für jedes Instrument andre sind. Sie lassen sich durch Resonanz mittels feinabgestimmter Stimmgabeln einwandfrei nachweisen. Das unbewaffnete Ohr jedoch vermag diese Summe von Obertönen in ihre Summanden, die Einzeltöne nicht zu zerlegen und hört nur den stärkstkliDgenden Grundton in eigentümlicher Färbung erklingen. Doch sind vom akustischen Standpunkt die Obertöne genau so nachweisbar und wirksam wie ihr Grundton. Der einfache Sinn des Bibelwortes, der ״Pschat״ ist der Grundton. An jeder Stelle aber tritt dieser Ursinn des Verses in charakteristischer Färbung, in einer bestimmten Ausdrucksfärbe uns entgegen, und darin liegt die unnachahmliche Schönheit der Bibel. Unsere Weisen besassen die Fähigkeit und das feinbesaitete Ohr, die Obertöne der Sprache einzeln zu. empfinden, die Ausdrucksfarbe zu analysieren und ihre Elemente gesondert herauszustellen. Das ist das Wesen des Midrasch, des halachischen wfie des agadischen. Auf Grund dieser Betrachtung kann aber das Midraschwort rückwirkend Fingerzeig und Weg 1weiser sein, an dunklen, unklaren Stellen den ursprünglichen Wortsinn festzustellen. So überraschend es klingt: oft gibt es keinen sichereren Weg zum. Pschat als über den Midrasch. Denn wenn, wie der Oberton im harmonischen Verhältnis zum Grundton stehen muss, die agadische Auslegung nicht eine Willkür, nicht ein reines Phantasiespiel darstellen kann, so ist sie nur unter Zu. grundelegung eines ganz bestimmten U rsinnes