Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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854 Die Knessia Gdola gewiss sollen wir stets versuchen, an die in unserem überlieferten Schrifttum niedergelegten Anschauungen anzuknüpfen, aber der Missbrauch, den man mit diesem an sich gesunden Prinzip treibt — er ist nicht nur in rabbinischen Kreisen heimisch — indem man, anstatt ein Problem in seiner ganzen Kompliziertheit allseitig und in sachlicher Weise zu besprechen, sich mit der nicht immer geistvollen Deutung eines Bibelspruchs oder Midraschwortes begnügt, ist mit eine Ursache der Oberflächlichkeit, des seichten Niveaus und der geistigen Hilflosigkeit der heutigen orthodoxen Publizistik. Dass hierin ein grundsätzlicher Wandel geschaffen werde, ist eine der wichtigsten Vorbedingungen für eine fruchtbare Entwicklung der Agudas Israel. Was hat nun die Knessia Gdola geleistet, was bedeutet sie für uns, und welche Stellung nimmt sie in der jüdischen Geschichte ein? Das endgültige Urteil über ihre Bedeutung wird erst der künftige jüdische Historiker dieser Zeiten zu fällen haben. Wir, die Zeitgenossen, die wir noch unter dem frischen Eindruck des Ereignisses stehen und ihm noch allzu nahe sind, als dass wir seine geschichtlichen Folgen überschauen könnten, müssen uns darauf beschränken, die Bedeutung zu fixieren, die die Knessia für uns heute schon in erkennbarer Weise angenommen hat, und, nur aus Gefühl und Anschauung, das mit ihr verbundene Erlebnis zu umreissen. Für uns bedeutet die Knessia Gdola das Ende des Interregnums, unter dem das jüdische Volk über ein Jahrhundert lang gelitten hat; bedeutet sie die Besinnung des Volkes auf den Sinn des Judentums und auf seinen historischen Weg; bedeutet den Willen zur Sammlung und Fruchtbarmachung seiner Kräfte für die Heiligung des göttlichen Namens. Das Erlebnis der Knessia Gdola war erdrückend. Man spürte hinter allen ihren Unzulänglichkeiten, Lächerlichkeiten und Trivialitäten den Pulsschlag der mächtigen schöpferischen Kräfte unseres Volkes, der lebendigen, unbesieglichen Kraft ungezählter Geschlechtsreihen und uralter Traditionen; man hörte das Brausen des gewaltigen Stromes, der dieses Volk durch die Jahrtausende der Geschichte trug; man spürte Ewigkeit־