Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Knessia Gdola 358 die gewöhlich die subalternsten Geister zu sein pflegen, und die Versklavung durch ihre eigenen Beamten. Die glückliche Verhindung von Demokratie mit fester autoritativer Gewalt, die in der agudistischen Verfassung zum Ausdruck kommt, macht sie zu einem sehr brauchbaren, tragfähigen und elastischen Instrument. Allerdings wird, wenn auch der leitende Gedanke bei der Einsetzung des Rabbinischen Rates der Glaube an den untrüglichen Instinkt der Thoragrössen gewesen ist, eine bewusste Auslese und eine planmässige Erziehung vieler seiner Mitglieder zu politischem Denken und politischem Arbeiten unumgänglich sein. Es ist erfreulich, dass gerade so viele Rabbinen ihre Zeit und Kraft der Agudaarbeit widmen, aber diese Tatsache hatte in der Knessia noch eine minder erfreuliche Nebenwirkung, in־ sofern als viele von ihnen offenbar die Redetribüne der Knessia mit ihrer Synagogenkanzel verwechselten und die Knessia hierdurch einen unerquicklichen pastoralen Zug erhielt, der ihrem eigentlichen Wesen absolut nicht entsprach. In der Tat waren die Plenarsitzungen der Knessia oft eine einzige Kette von Predigten, und das sachliche wurde von homiletischen Er־ gössen geradezu erdrückt. Diese Feststellung wird nicht etwa aus einem Fanatismus der Geschäfsordnung oder aus bureaukratischer Pedanterie getroffen: im Gegenteil, die Momente, wo ein Chofez Chaim oder ein anderer Grosser warme Mussarworte von der Tribüne sprach und die Knessia, die parlamentarische Konvention durchbrechend, weniger einem parlamentarischen Kongress als einer grossen Betstube glich, wo sich die Beter nach dem Gottesdienste um den Almemor scharen, gehören zu den Höhepunkten der Tagung. Aber dass Referate über streng sachliehe Themen als Predigten gehalten werden konnten, ist nicht nur ein eigenartiges Charakteristikum der Knessia Gdola, sondern es ist auch bezeichnend für die Art, in der sich weite Kreise der Orthodoxie mit den Problemen auseinanderzusetzen pflegen. Die Herrschaft der Homilie im Geistesleben der Orthodoxie ist ein schwerer Schaden, dessen Folgen ernster sind, als man gemeinhin vermutet. Gewiss soll jede auch profane Frage im Geiste der Thora besprochen und behandelt werden, und