Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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832 Zum fünfzigjährigen Bestehen des Rabbinerseminars Rechten, seiner ungestörten Religionsübung, seiner materiellen Lage bedroht war, Man vergisst so schnell, vergisst die Thesen jener Tage: Die Juden sind Verbrecher auf Grund der Satzungen ihrer Religion. Am Vorabend ihres höchsten Festes geht ihr Sinnen auf künftigen Meineid. Das Fleisch dürfen sie nur gemessen, wenn sie unter Qualen das Tier getötet, Nichtjuden aber können sie es nur verkaufen, wenn sie es nach ihrem Ritus besudelt, ihr Passahbrod müssen sie bereiten mit dem Blut ermordeter Kinder. Vergisst an Xanten und Könitz, an Polna und Skurcz, vergisst, dass Talmud und Schulchan Aruch zu Verbrecherschriften gestempelt wurden, dass Antrag auf Antrag gestellt ward, die Herausgabe dieser ״unsittlichen Geheimschriften“ durch eine nichtjüdische Kommission zu veranlassen, vergisst, dass in ganzen Ländern die Schechitah verboten war, dass bald hier, bald da lokale Verbote, vor allem den thoratreuen Juden das Leben verbitterten. Vergisst, dass die Arbeit, die später grosse Organisationen weiterführten: Der Zentral verein, der Hilfsverein, der Verband der deutschen Juden von einem Einzigen geleistet wurde. Bei Hirsch Hildesheimer liefen alle Fäden zusammen in den Abwehrkämpfen, die zu Zeiten die Welt bewegten, in den Räumen des Rabbinerseminars. Das spottende Wort von Prof. Lazarus ״Die Gipsstrasse liegt nicht in Berlin“, das war in einem anderen Sinne zur Wahrheit geworden, ihr Feld war die ganze Erde. Hier schlug und hier allein das Gewissen der Welt. Denn nicht nur räumlich war hier das Zentrum all dieser für jene Zeit so ausserordentlich wichtigen Betätigung Hirsch Hildesheimers. Der Geist, der hier waltete, befruchtete ihn, verlieh seiner Tatkraft Flügel, und in dem Lehrkörper hatte er hier die Autoritäten, die jederzeit aus dem reichen Schatz ihres Wissens ihm die Hilfsmittel boten, alle seine Gegner zu bestehen. Und nun erst der Mensch, der mit seinem grossen und gütigen Herzen alle bestrickte, die in seinen Bannkreis traten, der das Gemillus Chassodim geübt in vorbildlicher Weise, wie die Prophetie Jesajas, die wir an unserem heiligsten Tage verlesen, es schildert, der immer der Erste war, an den die Beladenen