Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum fünfzigjährigen Bestehen des Rabbinerseminars 331 Kultur. Barth hat vor seinen Hörern von den Mitteln, diese Kluft zu überbrücken, wenig gesprochen. Aber er hat sie ihnen vorgelebt. Wer den deutschen Universitätsprofessor in der Seminarsynagoge מפטיר יונה sagen, נעילה vorbeten hörte, wer ihn überall in stiller und darum wahrhaft echten Frömmigkeit sich betätigen sah, in dem stieg ein Ahnen auf: es gibt einen wahrhaft gemeinsamen Urgrund, aus dem das scheinbar sich widersprechende iliesst, sonst könnte es nicht in so inniger Verwandtschaft sich finden, sich zu einem so geschlossenen Ganzen verschlingen. Der neuzeitliche Rabbiner hat sich, abgesehen von der Ausübung der eigentlichen הוראה, auch mannigfach in den Funktionen zu betätigen, die früher dem ״Stadlonus“ Vorbehalten war. Aller Stolz in der Männerbrust wird uns von dieser grossen Aufgabe, vor die wir immer und überall angesichts der Gefahren des Golus uns gestellt sehen, nicht befreien. Man mag es bedauern, dass das Thorastudium unter dieser Zersplitterung leidet. Aber den gewaltigen Einfluss, den so viele deutsche Rabbiner in einer immer noch durch und durch assimilierten Umgebung, in ihrem engeren und weiteren Kreise ausüben, den sie in letzter Zeit — angesichts der kleinen Schar ihrer Anhänger erstaunlich — auch innerhalb weltumspannender Organisationen zum Heile der Gesamtjudenheit geltend machen konnten, danken sie allein der Schulung, die sie sich in Betätigung auf sozialem, humanitärem, politischem Felde erworben. Für diesen Zweig der ״praktischen Theologie״ hatte das Rabbiner-Seminar in seinem Dozenten Dr. Hirsch Hilde sheimer5) wiederum eine führende Kraft allerersten Ranges, ja eine Persönlichkeit einzig in ihrer Art* Er wuchs über die Enge der Lehrfächer, die ihm vorbehalten: nachbibliche Geschichte bis zum Abschluss des Talmuds und Geographie Palästinas hinaus, so Verdienstliches er hier geleistet hat, und wrurde der erste Streiter des Judentums in allen Kämpfen, die es auszufechten galt, wenn es in seinen politischen 5) 1855—1910. Ausführliches über ihn in: Hirsch Hildesheimer, ein (iedenkbuch, Berlin 1011 und J. Wohlgemuth: Dr. Hirsch Hildesheimer, ein Lebensbild. Berlin 1912.