Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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830 Zum fünfzigjährigen Bestehen des Rabbinerseminars dessen Schriften die Wörterbücher in erster Reihe schöpften und der den Hörern darum wie Keiner die Gewähr bot, dass sie den ursprünglichen Sinn des Bibelwortes erkannt. Dies Gefühl der Sicherheit wurde noch dadurch verstärkt, dass er nie den Versuch machte über Schwierigkeiten des Textes durch originelle Deutungen sich und seine Hörer hinwegzutäuschen. Seine Schüler gingen daher vielleicht mancher geistvollen Einfälle verlustig, die sie bei anderen Kommentatoren hätten finden können, aber sie trugen das Bewusstsein mit sich fort: was sie gehört, das war nicht nur von dem Lehrer subjektiv als reine Wahrheit empfunden sondern kam objektiv der Wahrheit so nah, wie es nur im Bereiche des Menschlichen liegt. Und auch die Wärme, mit der aus den historischen Zusammenhängen der Zeit die Propheten- und WeisheitsWorte, die Lieder und Sprüche der Bibel gedeutet wurden, war von jener stillen Einfalt und edlen Grösse getragen, die allein das Zeichen des echten Pathos sind. Die Hiobexegese, an der Referent in einem der ersten Semester der Studienzeit teilgenommen, gehört zu seinen eindrucksvollsten und unverlierbaren Erlebnissen. Waren auch diese Eindrücke an den persönlichen Kontakt mit dem Lehrer gebunden, so will es doch viel besagen, dass in fast vier Jahrzehnten eine Reihe von Rahbinergeschlechtern mit den Ergebnissen der in sie gestreuten Anregungen die an ver traute Jugend erheben durfte. Der ganzen jüdischen Welt wird erst zu Bedeutung kommen, was Barth als Exeget bedeutet, wenn die reiche Fülle dessen, was er geschaffen, ihr offenbar wird. Auch hier wird er von dem späteren Geschlecht als ein Besonderer gewürdigt werden, als ein Fortsetzer und Neubegründer der edelsten Traditionen mit einem Ibn Esra, Kimchi, Abarbanel vergleichbar. Und auch das soll ihm nicht vergessen werden, welchen Einfluss er als Persönlichkeit auf alle seine Schüler geübt. Auf ihn sahen alle als eine seltene Verkörperung wahrhaft harmonischer Verbindung des alten Jehudi und modernen Menschen. Nur Oberflächlichkeit übersieht die tiefe Kluft, die sich auftut zwischen Glauben und Wissen, zwischen der urwüchsigen Jüdischkeit und der in ihrer Bedeutung nicht leicht zu nehmenden