Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 10 (1923)
- Issue
- Heft 9-10 (September 1923)
- Date
- 1923-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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318 Zum fünfzigjährigen Bestehen des Rabbinerseminars den äusseren Anstoss gab, deren eigentliche Wurzel in der Niederlegung der Ghettomauern, war wie ein verzehrendes Feuer über die bis dahin thoratreue Judenheit besonderss Deutschland hinweggebraust. Die Bewegung selbst war so elementar, dass man weder Männer wie Friedländer und Jakobsohn noch die eigentlichen Reformrabbiner für den Ausbruch und die nun folgende Entwicklung verantwortlich machen kann. Deren unsühnbare Schuld freilich ist es, dass sie, statt sich den zerstörenden Kräften entgegenzustellen, ihre ganze Arbeit darauf verwandten, sie zu fördern. Die erste Generation der sogenannten führenden Männer—in Wahrheit liessen sie sich von den Wünschen der Laien bestimmen — war protestantisch-christlich orientiert, wie das abgesehen von der Reform des Kultus, auch in der Art der Predigten zutage trat. Die zweite Generation der Reformer, deren hervorstechendste Persönlichkeit Abraham Geiger ist, wünschte schon um der verheerenden Folgen willen, die in der Assimilation sich letzten Endes gegen alle religiöse Betätigung auswirkte, ihre Förderung nicht in diesem Ausmasse. Wir, die wir jetzt den Kampf rückblickend überschauen, können gerecht genug sein, anzuerkennen, dass jene Männer in dem Glauben befangen waren, auf ihren Wegen für die Erhaltung des Judentums zu wirken. Dieser Weg war der Versuch einer Scheidung zwischen wesentlichen und unwesentlichen Bestandteilen des Judentums, zwischen Kern und Schale. Das wesentliche: Die Ideen des Judentums, das unwesentliche: die Formen der religionsgesetzlichen Uebung. Sind jene ewig, so diese in der Zeit entstanden, aus ihr zu erklären und mit dem Wandel der Zeiten auch wandelbar. Nur dass auch hier die Inkonsequenz unterlief, dass man aus der jedesmaligen Zeit heraus zu bestimmen unternahm, welche Ideen zum Wesen des Judentums zu rechnen und welche Ideen dogmatische Verirrungen der verschiedenen Zeiten seien. Und dass man andererseits nicht den Mut hatte, radikal mit dem Religionsgesetz zu brechen, und bald diese, bald jene Form religiöser Betätigung für den Fortbestand des Judentums als notwendig setzte.