Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1923-07-01 · Heft 7-8 (Juli 1923) · page 41

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
10 (1923)
Issue
Heft 7-8 (Juli 1923)
Date
1923-07-01
Page
– (sequence 41)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2292929-2293019-2293024--06262-2299548
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das Hohelied 29S nichts letztlich rein Seelisches, das sich nicht verschwistert und verwächst mit dem beglückenden Anblick des geliebten Gegen- Standes. Aller Besitz, Haus und Herd, Gerät und Habe, alles wird in diesen Weihebann der Liebe miteinbezogen, ja Natur und Heimat werden erst Teil unseres Selbst, weil in ihnen und mit ihnen die Liebe erblüht. Ganz so wie durch die Liebesmacht, die Israel mit dem Himmel verbindet, alles Erdenhafte seine Schwere verliert, alles Sinnliche, Tun und Verrichten zum Gottesdienst, der reale Boden des palästinensischen Landes zum heiligen Lande sich umschafft. Mit dieser höchsten Tatsache menschlichen Liebeslebens macht der Sänger des H. L. Ernst; in ihrem Spiegel sind der Locken Pracht und der Zähne Schmelz, sind Wange und Stirn, Gestalt und Wuchs, ist die Symmetrie des Busens und des Leibes Rundung, alle nur Ausdruck der höchsten, zartesten, reinsten Empfindungen; sind unentbehrlich für den Vollgehalt und das Alles umlassende Liebesgefühl, wie der Plastiker den ganzen Leib des Menschen zum Ausdruck seelischer Gluten- und Fluten benötigt. So jubelt im H. L. die ganze Natur im Jauchzen weil zwei glückliche Menschen in ihr sich finden, so feiert ganz Palästina mit allem, was darauf atmet und lebt, den grossen Tag der Herzensfreude König Salomos mit. So zeigt dies Lied den höchsten Triumpf der allweihenden, Himmel und Erde verschmelzenden irdischen und religiösen Liebe. Aus dem künstlerischen Prinzip der Anschaulichkeit ist auch die wunderbare Konzeption des Chorjbs der ״Töchter Jerusalems“ zu verstehen und zu würdigen. Die.Zusammen- Stellung dieser Begleiterinnen Sulamiths mit dem Chor der antiken Tragödie erscheint uns als eine glückliche. Wie dieser ein Mittel in des Poeten Hand ist, Gedanken, die den Helden, den Zuschauer, den Dichter selbst erfüllen, auf der Bühne zu projizieren undiebendig zu machen, genau so vermag der Sänger des H. L. durch diese Resonanz des Liebeserlebnisses die Geschicke der Braut dem Gewahrsam der Herzensheimlichkeit zu entreissen, sie als ein Ereignis des ״geschichtlichen“ grossen Allgemeingeschehens uns zum Bewusstsein zu bringen und alledem Mund

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.